Leben in Madrid ? Ein Traum wird wahr!

18.01.2013 - Susanne Thiel 

Vor meinen Augen glitzerte die Mittelmeerküste im Sonnenschein, und mein Vater filmte mit seiner Super8-Filmkamera die Altstadt mit ihrem glänzenden Kopfsteinpflaster und den Fischerhäusern, vor deren Fenstern bunte Wäsche im Wind trocknete. Plötzlich ließ er vor Schreck fast die Kamera fallen, denn er hatte gerade unser Schlüsselbund im Zoom, das seelenruhig an der Tür unseres Volvos baumelte. Peñiscola war 1974 noch ein Fischerdorf, das gerade anfing, sich dem Tourismus zu öffnen. Völlig unfassbar für meine Eltern, dass die Schlüssel, die an einem deutschen PKW hingen, noch nicht geklaut worden sind, ganz zu schweigen vom Auto! Ich dachte in diesem Augenblick, dass Spanier irgendwie tolle Menschen sind und fragte mich, wie es wohl wäre, wenn ich in Spanien aufwachsen würde.
Jahre später sah ich in einem Dorf an der Costa Brava einem Flamenco-Workshop im Haus der legendären Tänzerin Carmen Amaya zu. Die Musik löste bei mir automatisch eine Gänsehaut aus. Ich war fortan überzeugt, in meinem früheren Leben eine Spanierin gewesen zu sein, wenn es das denn geben sollte, und befand erneut, doch eigentlich im „falschen“ Land auf die Welt gekommen zu sein. Nach weiteren Spanien-Urlauben stand es irgendwann für mich fest: Ich werde nach Spanien ziehen! Was meine Eltern anfangs noch für Flausen eines pubertierenden Mädchens hielten, sollte einige Jahre später bewahrheiten. Allerdings wurde letztendlich nicht Barcelona, sondern Madrid meine neue Wahlheimat.

Als ich 17 war, nahm ich an einer Orchesterwoche im bayrischen Marktoberdorf teil. Wir waren in einem Schloss untergebracht und bekamen ein paar Tage später Mitbewohner in Form von einer Horde spanischer junger Tänzer. Sie kamen aus Madrid und nahmen an einem Tanzkurs teil. Ich war sofort in meinem Element und organisierte gleich für den nächsten Tag einen Flamencoabend! Im Laufe der Woche hatte ich neue Freundschaften geschlossen. Besonders Poti und Mar hatten es mir angetan, ein junges Paar aus Madrid, die für meinen Traum, sobald wie möglich nach Barcelona zu ziehen, nicht allzu großes Verständnis aufbrachten. Übrigens wurde Poti später ein berühmter TV-Star, und Mar tanzte in der Compañía Nacional de Danza unter dem legendären Nacho Duato. Sie erzählten mir von der spanischen Hauptstadt, die niemals schläft, und die das authentische Spanien verkörpert. Hier kommen Menschen aus dem ganzen Land zusammen und bilden einen spannenden Mix aus verschiedenen spanischen Wurzeln. Hier ist das klassische, kulturelle und auch moderne Spanien Zuhause. Es ist nicht so überlaufen von Touristen wie die Mittelmeerküste und Barcelona, sondern originell, gastfreundlich und offen. Jeder Stadtteil ist wie ein Dorf für sich inmitten einer großen Stadt, die sich Jahrhunderte lang vielen Kulturen und Menschen der unterschiedlichsten Herkünfte geöffnet hat.
Spanien war in meinem Kopf fest verankert, abe die Frage war - Madrid oder Barcelona.

Nach dem Abitur bewarb ich mich noch während meiner Berufsausbildung in beiden Städten. Und fand nahtlosen Anschluss an meine Lehre mit einer festen Stelle in Madrid! Schon eine Woche nach meiner Abschlussprüfung empfing mich die Stadt am 2. Februar 1991 mit Schnee und minus zwei Grad Celsius. Nicht gerade das, was man vom „typischen Spanien“ erwartet. Aber die klirrende Kälte konnte meiner Freude nichts anhaben: Der Himmel strahlte in einem intensiven Blau, die Sonne schien, und an meinem ersten Abend schlenderte ich zu Fuß zur Plaza Cibeles. Ich kam pünktlich zum Sonnenuntergang und sah dem dichten Verkehr zu, der sich den Weg nach Atocha, zur Gran Vía und auf die Castellana bahnte. Plötzlich hörte ich gar nichts mehr, meine Ohren waren irgendwie taub. Ich stand dort und schaute in den Himmel, der sich von Tiefblau in ein zartes Rosa und dann in gold schimmernde Rottöne verwandelte. Historische Gebäude, lachende Menschen und ein Himmel, der zum Greifen nahe schien. Das alles war jetzt meins! Damals kannte ich noch nicht das Motto „de Madrid al cielo“, aber genau das war es. Ich wusste, Madrid ist meine Stadt. Für immer!

Kommentare (3) :

Kommentar von Gerborg Meyer 25.01.2013

Kommentar von Maria 20.02.2013

Kommentar von Susanne Thiel 20.02.2013

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