Der Urlaub in der Heimat

04.11.2010 - Janette Wieland - Journalistin 

Die Freude war groß, die Erwartungen gemischt: Nach einigen Monaten in Madrid ging es für mich nun das erste Mal als Urlauberin nach Deutschland. Allein die Vorstellung, Urlaub zu Hause zu machen, war irritierend. Hat man doch noch vor kurzem in diesem Land gelebt, eine Heimat gehabt, Freunde besucht und sich über die Staus auf den Autobahnen geärgert. Und doch ist Madrid schnell zur neuen Heimat geworden: Auch hier regt man sich über die täglichen Staus auf, auch hier besucht man Freunde. Aber wie verschieden diese Welten sind, wie unterschiedlich die Heimaten sein können, weiß man erst, wenn man wieder zurück aus dem alten im neuen Zuhause ist.

Schon der Landeanflug auf Frankfurt weckte erste Heimatgefühle: Durch eine dichte Wolkendecke ging es abwärts, es wackelte, Tropfen bahnten sich ihren Weg über die kleinen Fenster des Flugzeuges. Um uns herum war alles grau. Dann aber der Durchbruch: Die Wolken lichteten sich, erste Bäume, Felder und Häuser kamen zum Vorschein. Zu Hause.

Natürlich bekam ich erstmal einen Schock: Ich hatte den deutschen Wetterbericht zwar intensiv verfolgt, aber auf diese Art von Kälte war ich nicht vorbereitet. 7 Grad, Regen und die Feuchtigkeit in der Luft ließ die Kälte noch einmal deutlich unangenehmer wirken. In den kommenden Tagen war die Sonne allerdings wieder gnädig und brachte die ganze deutsche Oktober-Schönheit der Natur zum Vorschein: Farben, wohin man blickte. Grün ging über in gelb, braun mischte sich mit einem dunklen, intensiven rot. Dazu die saftigen, grünen Wiesen. Ein herrlicher Anblick. Und obwohl die Luft kalt und feucht war, kam sie mir irgendwie reiner, sauberer vor. Dazu kam die Stille. Kein Sirenengeheul, keine hupenden, dröhnenden Autos und Motorräder, nur ab und zu mal ein krähender Hahn, die gurrenden Tauben oder der prasselnde Regen. Fast schon eine gespenstige Ruhe.

Ein weiteres Highlight war natürlich die ausgiebige Vielfalt an deutschen Nahrungsmitteln: Schweinebraten, Kassler, Rinderbraten, Dampfnudeln, Bratwurst, Leberwurst und natürlich frische Brötchen und Brot in allen Variationen. Nicht zu vergessen das Kölsch, das ich in Madrid schmerzlich vermisst hatte. Ich habe sicherlich einige Kilo zugenommen, aber das war es mir wert.

Diese deutsche Idylle hatte allerdings auch ihre Schattenseiten. Diese machte sich bemerkbar, sobald ich mal wieder einen deutschen Supermarkt betrat. Ist es in Madrid so, dass ich in der Warteschlange an der Kasse locker hätte promovieren können, konnte man an der deutschen Kasse noch nicht einmal in Ruhe seine Nase schnäuzen. Da wurde von hinten mit dem Einkaufswagen gedrängelt, geschubst und geschimpft, denn Zeit hatte hier offenbar niemand. Nein, diese Art von Mentalität hatte ich nun wirklich nicht vermisst.

Auch die offensichtliche deutsche Sauberkeit und Ordnung wurde mir wieder bewusst: Bürgersteige und Rinnen waren sauber gekehrt, Büsche und Sträucher akkurat geschnitten und es hatte den Anschein, als ob jeder Bewohner emsig darauf bedacht sei, seine vier Wände für Google Streetview oder eine mögliche Homestory auf Hochglanz zu schrubben. Dazu gehörte natürlich auch das unverzügliche Wegräumen der Mülltonnen, sobald die Müllabfuhr außer Sichtweite war.

All das hat natürlich seinen eigenen Charme, das macht das normale deutsche Leben aus und die Gewohnheit und das Motto „so macht man das eben“ lässt besonders hier die Unterschiede der Mentalitäten herausstechen. Eine offensichtlich heile Welt, in der Fassaden glänzen und so gut wie alles in geregelten Bahnen läuft auf der einen Seite, und die schroffe,teilweise chaotische aber ehrliche und liebenswerte Lebensweise auf der anderen. Beide Seiten haben ihre Vor- und Nachteile. Ich habe zwar in meinem spanischen Zuhause einiges aus meiner deutschen Heimat vermisst. Erstaunlicherweise habe ich aber festgestellt, dass ich auch in den zwei Wochen Deutschland-Urlaub „Heimweh“ hatte.

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