Auf den Hund gekommen

19.08.2010 - Clementine Kügler - Übersetzerin  

Katzen waren meine Welt. Mit denen war ich aufgewachsen, die kannte ich und liebte ihre Unabhängigkeit. Und entsprechend war ich Hunden gegenüber eher skeptisch. Das hat auch eine WG nicht geändert, in der ein Schäferhund, eine Katze und ein Papagei der Größe nach wie die Bremer Stadtmusikanten friedlich aufeinanderhockten.

Und dann geschah es: eines Morgens – das Tor war offen und mehrere Handwerker waren im Garten beschäftigt – stand ein sehr schöner großer Hund vor mir und schaute mich an. Der Hausbesitzer bat mich, mit ihm Deutsch zu sprechen, da er sicher von einer deutschen Nachbarin fortgelaufen sei, und ich wusste gar nicht, was sagen. Was sagt man denn zu einem Hund? Platz, Sitz, schönes Tier!? Ihm war es egal. Er blieb bei uns und im Laufe des Tages begeisterte er die ganze heimkehrende Familie – immerhin acht Personen.

Wir wollten sowieso einen oder zwei Hunde haben und da dieser sich ja ganz offensichtlich uns ausgesucht hatte, nicht umgekehrt, war die Lage klar. Der deutschen Nachbarin, die übrigens Holländerin war, gehörte er nicht, auch keinem anderen. Wir fuhren noch am selben Abend zum Tierarzt, ob er einen Chip hatte, denn natürlich wollten wir das Tier nicht entführen. Hatte er nicht. Wir atmeten auf. Ihn ins Auto und in die Tierklinik zu bekommen, war allerdings stressig. Dem Tierarzt blieb er gram, aber ins Auto springt er inzwischen gerne und mit einer Gewandtheit, als würde er gerne auch mal fahren.

Und so ist er eine echte Bereicherung unseres Lebens geworden. Er bellt nicht unnötig, hat einen guten Charakter, kann mit Kindern umgehen, reißt die Großmutter nicht um. Die Wiesen und Felder der Umgebung bieten Auslauf, der nur nach langen Wochenenden zu einem Problem wird: wenn die picknickenden oder campenden Familien ihren Müll liegen lassen und gegrillte Knochenreste den Hund zum Ungehorsam locken. Eine merkwürdige Unkultur das mit dem Müll. Als würden sich die Familien ihren Stammplatz reservieren: wir stecken das Terrain mit Flaschen, Dosen und Plastiktüten ab, dann setzt sich da kein anderer drauf…

Frei herumlaufende Hunde, vor allem große, haben mir immer Respekt eingeflößt, manchmal sogar Angst, auf jeden Fall unangenehm und ziemlich unmöglich fand ich es, wenn mich diese Tiere dann auch noch ansprangen und die Herrchen nur grinsten. Jetzt wird mir klar, das war keine gegen mich gerichtete Schadenfreude („stell dich nicht so an, du blöde Kuh“), sondern ein Strahlen über das kontaktfreudige lebendige Tier. Da ich die andere Sichtweise noch in Erinnerung habe, achte ich sehr darauf, dass unser Hund Zweibeiner nicht anspringt.

Ich freue mich nicht nur über das ständige Spazierengehen ohne schlechtes Gewissen, sondern auch über die Öffnung der Perspektiven. Ich fühle mich toleranter und sehe Hunde nicht mehr gleichgültig an, sondern habe ganz viel Freude, wenn ich welche sehe (natürlich gibt es immer noch Ausnahmen).

Früher habe ich mir neben die Namen der Freunde nach und nach auch die ihrer Frauen/Männer und Kinder notiert. In letzter Zeit füge ich die Namen ihrer Hunde hinzu.

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