Warum man Spanien vermisst...

12.09.2009 - Stefanie Claudia Müller - scm communication 

Ich bin der Ansicht, dass man nur weiß, was man zuhause hat, wenn man auch mal rausgeht, in andere Länder reist, vielleicht auch mal eine Zeit woanders lebt. Erst in Spanien lebend (tendenziell Chaos) habe ich Deutschland (tendenziell Spießigkeit) schätzen gelernt, viele Tugenden, die ich vorher verflucht habe, das Sozialsystem, die Rechtssicherheit etc..., finde ich heute toll.

Inzwischen ist Spanien jedoch meine zweite Heimat. Ich reise immer noch viel und obwohl ich mich oft über die Dinge hier aufrege, vor allem die Unzuverlässigkeit und Rechtsunsicherheit, geht es mir inzwischen genauso, wenn ich aus dem Ausland zurückkomme, freue ich mich auf mein schrecklich schönes Madrid. Dinge, die ich vor der Abreise verflucht habe, liebe ich plötzlich. Passiert mir immer, wenn ich aus dem häufig verregneten Deutschland zurückkomme und mich hier wieder die warmen Sonnenstrahlen kitzeln. Hitze ist halt doch besser als Kälte..., auch wenn man sie in Hochzeiten verflucht.

Aber so geht es einem auch, wenn man ganz woanders hinreist. Ich war diesen Sommer in Kanada und habe dort vor allem die saubere und vielfältige Natur genossen, etwas, was wir rund um Madrid nicht haben. Auch die Rechtssicherheit war dort enorm, es gibt kaum Kriminalität. Man konnte durch die Straßen schlendern, ohne seine Tasche wie eine Verrückte an den Körper zu drücken. In Vancouver zum Beispiel sind Überfall und Diebstahl die absolute Ausnahme, trotz einer starken Zuwanderung.

Zudem kriegt man für sein Geld was, die Qualität der Nahrung ist viel besser als in Madrid. In Restaurants wird man freundlich bedient, das Essen ist billiger und besser. Die Leute sind sehr nett und interessieren sich für deine Herkunft... alles Dinge, die man in Spanien nicht unbedingt erlebt. Aber trotzdem war ich nach 14 Tagen froh, wieder unter meinen verrückten, kreativen, leidenschaftlichen und schlecht erzogenen Spaniern zu sein. Denn die Kanadier habe ich als extrem deutsch kennengelernt. Extrem diszipliniert, vorsichtig, alle laufen in dieselbe Richtung, wer vom Pfad abkommt, wird direkt darauf hingewiesen. Die Kinder sind ruhiger, gehorchen scheinbar besser und selbst die Hunde bellen weniger (sie dürfen nicht mehr als 15 Minuten, sonst kommt die Polizei... und es gibt eine Anzeige für die Besitzer.). Die Spießigkeit war so verbreitet, dass nur noch die Gartenzwerge in den wunderschön gepflegten Gärten fehlten.

Ich habe mich in dieser kompletten Ruhe und zivilisierten Gesellschaft, wo jeder den Abfall des anderen aufhebt und sich für die Allgemeinheit verantwortlich fühlt, etwas, was ich in Spanien immer vermisst habe, nach zwei Wochen sehr gestresst gefühlt. Immer musste man die Kinder ermahnen, ruhig und vorsichtig zu sein, ebenso die verrückten deutsch-mexikanischen Hunde der Freunde. Man mußte immer alles so machen, wie es vorgeschrieben war und Schilder mit Anweisungen gab es überall. So durfte man auf dem Campingplatz sich mit dem Trinkwasser nicht waschen etc., etc.....Leute beschweren sich, weil die Kinder im Dunkeln mit einer Taschenlampe spielen und alle hocken bei sich vor dem Zelt, keiner tauscht sich wirklich mit dem anderen aus.

Als ich wieder in Madrid landete, war es wie eine Erlösung. Am nächsten Tag in der Uni mit zerfledderten Büchern, die ich zurückgeben musste, rutschte mir direkt ein “Viva España” aus. Denn nicht nur, dass die Frau hinter dem Schalter der Bibliothek direkt einsah, dass der Schaden am Buch nicht mir anzukreiden ist, sondern der schlechten Bindung und es einfach annimmt mit dem Kommentar: “Da igual, está mal hecho.”, lässt mir ein Stein vom Herzen fallen. Ich kriege zudem ein paar Tage später sogar ein Buch, das mich enorm interessierte und das jemand in der Bibliothek hatte liegengelassen, von der gleichen Frau geschenkt: “Si no es de nadie, es tuyo.” Für den, der es liegen gelassen hat, natürlich nicht so witzig... ich war aber happy, das alles so unkompliziert lief und genau dieses Buch hatte ich gesucht... Lief alles super...

Dann krieg ich auch noch einen Anruf von meinem Professor, dass ich die Note für meine Hausarbeit schon vorher bekomme, obwohl ich sie noch gar nicht abgeliefert habe – ein sobresaliente, weil man kennt sich ja..., man vertraut sich... Nochmal "Viva España!", alles so schön unkompliziert, fast illegal und für mich in diesem Fall einfacher, wenn ich mich auch instinktiv sofort dagegen gewehrt habe. Vetternwirtschaft und fehlende Zivilverantwortung sind alles Dinge, die ich normalerweise hier verfluche, da egoistisch, unprofessionell etc... Nach Kanada liebe ich meine Wahlheimat jedoch dafür. Denn meine Freunde die dort leben, ein deutsch-mexikanisches Paar, verbringen viel Zeit damit, sich für ihre Kinder und Hunde zu entschuldigen und mit Spießern über die Höhe der Bäume auf dem Grundstück und ähnlich wichtige Dinge zu diskutieren.

Man kennt diese Nachbarschaftsstreitigkeiten aus Deutschland. Einer Freundin aus Hamburg hat der Nachbar während ihres Urlaubes einfach den Baum abgesägt, weil er ihn gestört hatte. In Spanien regen Blätter auf dem Grundstück niemanden auf, auch weil Leute, die ein Haus haben, meist auch jemanden verpflichten, den Garten zu pflegen (los pijos). Mein Enthusiasmus über die “besondere spanische Art” hielt auch noch acht Tage nach meinem Aufenthalt in Kanada an, als ich mal wieder im hektischen Madrider Verkehr eine kleine Abkürzung nehmen wollte, ein netter Polizist auf dem Motorrad hält an und meint: “Mujer, esto no puedes hacer, te tenemos que quitar dos puntos y darte una multa de 140 euros. Pero mira, hoy tengo un buen día y te dejo ir.” Meine Mitfahrer, Ausländer, rufen begeistert: Viva España!

Jetzt nach drei Wochen wieder hier muss ich jedoch eingestehen, dass die Begeisterung über die “besondere spanische Art” wieder so ein bisschen nachlässt und ich eher wieder genervt bin wie vor meiner Abreise. Es begann, als ich aus beruflichen Gründen beim größten Bauunternehmen Spaniens anrufen musste und man mir um 13.30 Uhr sagt, dass bis 16 Uhr leider niemand in der Presseabteilung zu sprechen ist (Arbeitszeiten und Siesta-Mentalität)... oder mir ein Nachbar erzählte, dass er es toll findet, seine Kinder immer mit dem Auto zur Schule zu bringen und sie sollten solange wie möglich zuhause wohnen bleiben, Unabhängigkeit würden sie schon lernen, wenn sie mal das Geld der Familie erben würden (Neureichen-Gehabe) und nicht zu sprechen von der mörderischen Hitze hier..., nach ein paar schlaflosen Nächten habe ich da auch für den Moment mal wieder genug davon... So ist es halt: In keinem Land ist es immer perfekt.

Kommentare (2) :

Kommentar von Barbara 15.09.2009

Kommentar von stefanie 15.09.2009

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