17.August ’17, 17 Uhr: Das Attentat

23.08.2017 - Rafa Heberling 

auf dem Bild sind wir noch vollkommen unbeschwert. Machen „Mittagspause“. Es ist der letzte Ferientag für Theres und Kati. Kati sucht noch Schuhe für ihre neuen Showkostüme. Der Hunger hat uns aus den Schuhgeschäften der Fußgängerzonen herüber auf die andere Seite der Ramblas in die Boquería verschlagen. Es ist 16:50 Uhr, 10 Minuten vor dem Anschlag, den niemand erahnen konnte, als wir noch einen Cava sozusagen als „Nachtisch“ trinken.

 

Kaum ausgetrunken überqueren wir schlendernd und gut gelaunt die Ramblas, genau dort, wo nur wenige Minuten später ein Attentäter vorsätzlich viele Menschen mit seinem Leferwagen töten wird. Wir gehen die kleine Treppe herunter in die Carrer del Cardenal Casañas und besuchen die Boutiquen, nur 90 Meter Fußweg, 30 Meter Luftlinie vom Geschehen.

 

Plötzlich kommt ein junges Pärchen mit verängstigten Gesichtern in den Laden und spricht auf Französisch was von „Attentat auf den Ramblas“. Die Italienerin rast mit noch offener Bluse aus der Umkleide, schnappt ihren völlig überraschten, bis dahin gelangweilten Jungen und rast in Panik mit dem weinenden Kind am Arm aus dem Lokal. Wir stehen noch wie angewurzelt da, als der Ehemann der fliehenden Italienerin uns noch zuruft: „haben Sie nicht verstanden? Attentat!…“

 

Keine Explosion, ach, gewiss sind die Leute nur hysterisch – dachten wir – aber nahmen immer mehr Menschen vor der Tür wahr, die vor irgendwas weglaufen. Draußen dann wetteiferten die Polizei- mit den Ambulanzsirenen, Hubschrauber in der Luft. Erstaunlich viele Polizeiwagen waren an der Plaza de la Boquería, dort wo sich das Mosaik „Pla de l‘Os“ von Miro befindet, zu sehen. Ein Passant erklärt: „ Ein Lieferwagen ist in die Menschen gefahren.“ Wir glauben immer noch an einen Unfall und gehen weg vom Geschehen. Dort müssen wir nicht im Weg stehen.

 

Gut, dass wir nicht geschaut haben: diese Bilder waren gewiss nicht leicht zu verkraften.

 

Immer mehr kommen wir an einem sonst lebhaften Geschäfts- Donnerstag an geschlossenen Lokalen vorbei, erreichen den Rathausplatz, die Polizei „pfeift“ die Menschen vom Platz. Wir sollten uns bis hinter die Via Laetana begeben. Auch hier: immer mehr Geschäfte geschlossen, aus dem Shopping am letzten Ferientag wird jetzt wohl nichts mehr. Wir kommen an der Ronda Sant Pere zum Supermarkt und: hier fährt nicht einmal ein Auto. Blaulichter an der Urquinaona. Alles abgeriegelt. Ein britisches Pärchen fragt uns, wie sie jetzt weiter kommen: die U-Bahn ist auch gesperrt. Nichts geht mehr. Der Supermarkt war noch nie so leer wie heute, dabei war es nicht einmal 18:00 Uhr. Gespenstische Stille. Alle Geschäfte geschlossen, Kaum Menschen auf der Straße, nur die Helikopter und die Polizeisirenen zu hören, begreifen auch wir, dass hier wohl Schlimmeres passiert sein muss. Jeder von uns schaut auf den Nachrichtenportalen und wir bekommen langsam mit, dass wir nur sehr, sehr knapp dem Unheil entkommen sind. Mehr oder weniger stumm mit dem Smartphone in der Hand verbrachten wir den Abend drinnen. Gegen Mitternacht noch alles gesperrt: Autofahrer, die die Stadt verlassen wollten, wurden allesamt kontrolliert. Jetzt zum Flughafen? Keine Aussicht. Selbst der Bahnverkehr in der Innenstadt war eingestellt.

 

Doch als wir Freitag früh gegen 5:45 Uhr mit der Bahn zum Flughafen fahren wollten funktionierte alles reibungslos. Die Sperren waren alle geöffnet. Egal ob Renfe oder TMB Metro, alle luden zum kostenlosen Transport ein, um die Leute aus dem Innenstadtbereich, wo sie stundenlang wie gefangen waren, heraus zu transportieren. Später las man dann von der ungeheuren Solidaritätswelle: Krankenhauspersonal, das spontan zur Arbeit kam, spontane Blutspenden, Taxifahrer, die die teils traumatisierten Menschen kostenlos nach Hause fuhren, Anwohner, die die stundenlang in der Hitze auf der Autobahn in ihren „Blechbüchsen“ „bratenden“ Autofahrer mit Wasser und zum Teil sogar belegten Broten versorgten.

 

Am Airport haben die streikenden Arbeiter ebenso spontan die Arbeit aufgenommen, um hier Stress für die ehedem womöglich traumatisierten Touristen zu vermeiden. Kaum vom Flughafen zurück nehme ich eine wundersam ruhige, fast alltägliche Situation wahr.

 

Wieder viele Menschen auf den Ramblas. Hier werden zum Teil Blumen niedergelegt. Aber ansonsten sieht es aus wie immer. Eine bewundernswerte Gelassenheit, die zeigt: ihr Mörder kriegt uns nicht klein!

 

Diese spontane Hilfsbereitschaft, Mitmenschlichkeit hat mir erneut versichert, warum ich es mag, in Katalonien zu wohnen. Hotels haben die gestrandeten Menschen, die wegen der Polizeisperre nicht mehr nach Hause oder ihre Unterkünfte kamen,  Platz zur Verfügung gestellt, die Hilfeleistungen bis hin zu den Taxifahrern, der kostenlose ÖPNV zeigt, wie man schnell und unbürokratisch helfen kann. Jeder. Ohne politische Versprechen.

 

Doch dann kamen die Kameras und mit ihnen die Politiker. Berufsbetroffen schauen sie in die Linsen und verdammen die Täter. Gleichzeitig schmeißen die spanischen und katalanischen Politikern mit Förmchen und Dreck, wie man es hätte besser verhindern können und unser Gabriel (eigentlich wegen einer ganz anderen Angelegenheit eher zufällig in Spanien) ist herbeigeeilt und ruft wahlwerbewirksam zu mehr Zusammenarbeit gegen den Terrorismus auf. Alle reden von den Tätern. Und wo bleiben die Opfer? Die einzigen Politiker, die versucht haben, am Krankenbett der Opfer Trost zu spenden, waren ausgerechnet die nicht gewählten: das Königspaar.

 

Jetzt zeigen die Touristen und die Einheimischen den Mördern den sprichwörtlichen Mittelfinger. Das Leben am Strand geht weiter, die Parties laufen wieder und auch die Sonne ist wieder da. Nur hier und da hat sich was verändert: wo die Polizei früher eher misstrauisch beäugt wurde, wird ihr jetzt schon mal für die schnelle, wirksame Leistung  applaudiert. Immer wieder bleiben Menschen vor den Polizisten stehen und klatschen.

 

In Cambils, knapp 100 km weiter südlich, hat ein einzelner Polizist ein weiteres schlimmes Attentat verhindert und die Details, die langsam Stück für Stück ans Tageslicht kommen, zeigen, welch großartige Leistung Mossos und Urbanos geliefert haben.

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