SERIE: Kommunikationsprobleme (Teil 1)

29.03.2010 - Stefanie Claudia Müller 

Zur Autorin der vierteiligen Serie:
Stefanie Claudia Müller, 38 Jahre alt, Wirtschaftsjournalistin, langjährige Korrespondentin für Zeit, Handelsblatt und Wirtschaftswoche in Spanien und Doktorandin der Kommunikationswissenschaften an der Universidad Complutense in Madrid
www.scm-communication.com 


1. Wie Spanier etwas sagen?

In Spanien gibt es gemäß Jesús Timoteo Álvarez, Professor für Journalismus und Kommunikation an der Madrider Universität Complutense, viele verschiedene Kommunikationskulturen: „Wir verfügen über 17 autonome Regionen, die sehr stark ihre sprachlichen und kulturellen Eigenheiten hervorheben. Dennoch kann man sagen, dass die Spanier, abgesehen von wenigen Regionen, grundsätzlich nicht sagen, was sie denken.” Das macht deutlich, dass Kommunikation in Spanien ganz anders abläuft als in Deutschland, wo man sehr schnell sagt, was man denkt und gerade in der Pressearbeit versucht, transparent zu sein, um zu vermeiden, dass Journalisten Dinge falsch interpretieren. Das "Verheimlichen" der wahren Gedanken gestalte in Spanien Umfragen jeglicher Art sehr schwierig, glaubt Timoteo Álvarez: „Marktstudien oder Wahlprognosen haben oft keinen Aussagewert, weil die Leute nicht die Wahrheit sagen.” Besonders ausgeprägt sei dies in den autonomen Regionen Andalusien und Galicien, in Aragón dagegen seien die Leute direkter.

Spanier kommunizieren sehr gerne, das heißt sie reden gerne, tauschen sich aus, sprechen miteinander, über alles und jeden. Es gibt wenige Hürden im sprachlichen Umgang miteinander, man kann die Frau an der Kasse im Supermarkt einfach in ein Gespräch verwickeln, genauso wie den Taxifahrer. „Aber es ist nicht so einfach, aus dem Schwall an Information, das wirklich Wichtige zu filtern. Das liegt auch daran, dass es den Spaniern schwer fällt, Stille bzw. Schweigen zu ertragen oder auch mit sich alleine zu sein. Geräusche sind sehr wichtig für ein gutes Ambiente, deswegen läuft in Bars meistens der Fernseher, in Supermärkten Musik und insgesamt ist es wesentlich lauter als wir das in Deutschland gewohnt sind", sagt der dort groß gewordende Spanier Joaquín Gómez von der in Madrid ansässigen Fundación Goethe. Die Iberer seien Künstler der oberflächlichen Konversation. Sie vermittelten ihrem Gegenüber durch Plaudern das Gefühl von Nähe. Man muss bei den Spaniern deswegen genau hinhören und hinschauen, wie sie etwas sagen, mit welcher Mimik, Tonation, Wortwahl, mit welchen Gesten.

Das gilt auch für Geschriebenes. Bei Briefen, bei Vertägen, Pressemitteilungen oder einfacher Werbung muss man zwischen den Zeilen lesen. Aussagen lassen oft viel Raum zur Interpretation. Grundsätzlich werden bei Geschäftstreffen viele wichtige Dinge nicht automatisch gesagt, man muss gezielt nachfragen. „Sehr selten lehnen Spanier etwas offen ab, schließen etwas offen aus, das heißt aber nicht, dass sie allem zustimmen. Man kann es aber förmlich ihrem Gesicht ablesen, was sie denken. Man muss deswegen lernen, sie zu interpretieren. Das kann für eine Kultur wie die deutsche, die sehr direkt und auf Effizienz ausgelegt ist, anstrengend sein. Es ist viel Geduld erforderlich", weiß Gómez, der auch eine Werbeagentur unterhält und an der Uni in Deutschland unterrichtet.

Zudem wird in Spanien gerne Privates mit Beruflichem vermischt, um die Situation aufzulockern, um Barrieren zwischen Geschäftspartnern abzubauen. Auch hier muss man aufpassen. Die Tatsache, dass man über Kinder und Fußball plaudert, bedeutet nicht, dass alles so locker ist, wie es scheint. Formalitäten drücken sich bei Spaniern nicht im Siezen, sondern eher durch Zurückhaltung beim Gespräch aus, durch Zuhören und vor allem durch die Kleidung. Anzug und Krawatte für den Mann und Kostüm für die Frau auf der Arbeit, auch dort, wo man keinen Kontakt mit Kunden hat, sind noch wesentlich verbreiteter als in anderen Ländern. „Die Kleidung spricht eine Sprache, sie vermittelt in Spanien Vertrauen", sagt Anke Borchert, die als Relocation-Spezialist viel mit deutschen und spanischen Geschäftsleuten zu tun hat.

Mehr darüber, wie man auftritt und spricht in Spanien, in der nächsten Folge...

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