Was für ein schöner August

20.08.2009 - Clementine Kügler - Übersetzerin 

August in Madrid – ein herrlicher Monat. Ein unverkennbares Ambiente aus Trockenheit und Staub, aus Leere und heruntergelassenen Rollläden. Noch immer gibt es Straßen und Stadtviertel, durch die man spazieren kann, ohne jemandem zu begegnen, die sprichwörtliche Katze in der Mittagshitze mal ausgenommen.

Vergessen die Parkplatzsuche und die Verkehrsstaus im Juni, als die mobilen Verkehrsagenten Mittag machten und die, wie doch jeder weiß, völlig undisziplinierten Autofahrer sich selbst überließen. Resultat: die Blechlawinen wickelten sich auf den Plätzen der Castellana um sich selbst und nichts ging mehr. Chaos unter der sengenden Sonne. Aussteigen, Wagen stehenlassen, nach Hause laufen. Oder an den Schulen, wo das Parken in dritter Reihe so üblich ist, dass man den Staatsbürgerkundeunterricht den Eltern und nicht den Kindern verpassen sollte. Ist alles vergessen. Jetzt brauchen sogar die Autobusse nur zehn Minuten auf Strecken, wo man sonst die ganze Zeitung ausliest. Und parken? Na, wo man will, und ab 15 Uhr sogar gratis.

So war das jedenfalls bis jetzt. In diesem Jahr machen sich die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und der Renovierungswille auch im August bemerkbar. Die Baustellen, die die ganze Innenstadt durchziehen, sind beträchtlich. Bürgermeister Ruiz-Gallardón soll gesagt haben, nach seiner Amtszeit würde man Madrid nicht wiedererkennen. Angesichts der Tatsache, dass er die Castellana-Allee und die Calle Serrano zur gleichen Zeit aufreißen lässt, wird der Ausspruch zur puren Drohung. Schon Danny de Vito, der es zugegeben schwerer hat als Claudia Schiffer, die Gräben zu überspringen, hatte vor Jahren nach einer Madrid-Besichtigung bemerkt, dass die Stadt, sollte man den Schatz, nachdem man gräbt, einmal gehoben haben, sicher sehr schön sei. Damals suchte man nach den Knochen von Velázquez. Dann folgten die pharaonischen Umbauten der Stadtautobahn. Tatsache ist, dass Madrid nicht zur Ruhe kommt.

Die Frage, ob Kanalisation und Infrastrukturen erneuert werden müssen und vor allem wie, kann ich nicht entscheiden, aber ich möchte behaupten, dass das Zupflastern der Stadt mit Fußgängerzonen und Plätzen aus Granit, mit Zierbäumchen und ohne Brunnen der Lebensqualität abträglich ist. Die Hitze, die sich unter unseren Füßen im August entwickelt, scheint mir eher ein Produkt von Reißbrettplanern in vollklimatisierten Büros als die Folge heißer Sommer. Der Temperaturunterschied beim Flanieren unter den alten Schatten spendenden Bäumen im Salamanca-Viertel und auf dem Sandstreifen der Castellana oder beim Staffellauf in anderen Stadtvierteln, wo es nach Rattengift unterm blauen Himmel riecht, ist schon gewaltig.

Aber dann biegt man um die Ecke und ist wieder in einer dieser alten Gassen, wo alle Rollläden runtergelassen sind. Der Schmied ist mit der gesamten Familie in den Urlaub gefahren, der Schuster auch. Im Feinkostladen wechseln sich die Brüder ab – die fahren also nicht alle zusammen an die Küste. Das ist August in Madrid. Dass man für einen eigentlich dringenden Arztbesuch zwei Wochen warten muss, weil auch alle Spezialisten Ferien machen oder die über Kredite entscheidenden Bankleute alle gleichzeitig – vielleicht nicht gemeinsam - am Strand liegen, scheint etwas anachronistisch. Will man aber ein Einschreiben abschicken und betritt angstvoll die hochmoderne Post-Filiale am Cibeles-Platz, dann wird man sofort entschädigt: wo man sonst, ob man will oder nicht, eine Siesta halten könnte, bis man an die Reihe kommt, warten jetzt mehrere Schalterbeamten auf den einzigen Kunden. Was für ein schöner August!


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