Pendeln im Fernzug

16.10.2017 - Katharina Fahling 

Es ist 06:42 Uhr und der Fernzug AVANT setzt seine Fahrt in Richtung Madrid nach einem kurzen Aufenthalt in Ciudad Real fort. Er ist fast komplett ausgebucht, aber von Chaos bei der Sitzplatzsuche keine Spur. „Wie praktisch! Ich muss ja gar nicht um einen Sitzplatz kämpfen und pünktlich ist der Zug auch!“, dachte ich begeistert bei meiner ersten Fahrt mit dem spanischen Hochgeschwindigkeitszug. Bei der Buchung, egal ob am Schalter oder im Internet, wird jedem Passagier ein Sitzplatz zugewiesen oder er sucht sich diesen selbst aus. Eine Überbuchung der Fernzüge, wie es in Deutschland gerade zu Beginn der Sommerferien immer wieder vorgekommen ist, scheint es hier nicht zu geben. Wenn der Zug ausgebucht ist, kann man normalerweise auch keine Tickets mehr kaufen.

 

Mich fasziniert die Ruhe im Vergleich zu meinen Bahnreisen in Deutschland, die ich oftmals als stressig empfunden habe. Wie oft habe ich dort Anschlusszüge verpasst, weil der Zug Verspätung hatte, einfach ganz streikte oder musste Angst haben, zu spät zu einem Termin zu kommen… Mal abgesehen von den mittlerweile berühmten Problemen mit Klimaanlagen oder Heizung…

 

Der einzige Nachteil an der Zugverbindung zwischen Puertollano (Castilla-La Mancha) und Madrid scheint das frühe Aufstehen zu sein, denke ich oft, wenn ich sehe, wie die anderen Passagiere entspannt ihren Schlaf nachholen oder die etwa 50-minütige Fahrt nutzen, um am Laptop zu arbeiten. Die meisten Mitreisenden fahren aus beruflichen Gründen täglich nach Madrid, leben aber in der Mancha. Es ist trotz vereinzelter, leiser Gespräche so ruhig, dass ich mich beinahe nicht traue, mein Frühstück auszupacken. In Deutschland war es für mich nichts Ungewöhnliches, im morgendlichen Stress ohne Frühstück aus dem Haus zu gehen, und am Bahnhof schnell einen Kaffee zum Mitnehmen und ein Brötchen zu kaufen. Scheinbar ist aber genau das für meine Mitreisenden ein wenig merkwürdig anzusehen, da der ein oder andere einen neugierigen Blick auf mich wirft, als ich mich schließlich doch traue, zu frühstücken. Wenn ich während der Fahrt die Landschaft an mir vorbeirauschen sehe, steigen Erinnerungen an meinen ersten längeren Aufenthalt in Spanien in mir auf. Schon damals stand für mich fest, dass ich eigentlich am liebsten gar nicht gehen wollte.

 

In Deutschland hätte ich es vermutlich allein wegen der hohen Preise gar nicht erst in Erwägung gezogen, täglich mit dem Fernverkehr der Bahn ins nächste Bundesland zu fahren, doch hier habe ich die Zuverlässigkeit des Fernverkehrs zu schätzen gelernt. Zwar gibt es nicht so viele Verbindungen wie zum Beispiel in meiner Heimat Nordrhein-Westfalen, aber so mancher Kollege aus dem Zentrum Madrids brauchte aufgrund der Staus deutlich länger als ich im Fernzug, um zur Arbeit zu fahren. Andersherum fanden es viele Kollegen seltsam, fast täglich so weit zu reisen, wie sie es nannten. Trotz dieser Kommentare kann ich mir immer noch vorstellen, auch in der Zukunft wieder auf dieser Strecke zu pendeln.

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