Ein Jahr an einer spanischen Uni

25.05.2017 - Ana Caballero 

Ende Mai, das Semester neigt sich langsam, aber sicher dem Ende. Entsprechend voll ist die Bibliothek, die nun in der Klausurenphase endlich auch mal am Wochenende und montags und mittwochs sogar 24h geöffnet ist. Während ich dort über meiner Hausarbeit sitze, die unbedingt diese Woche noch fertig werden muss, schweifen meine Gedanken ab und ich denke zurück an meine Zeit an dieser spanischen Uni.

 

Im September begann mein Jahr an der Universidad Complutense de Madrid, der ältesten öffentlichen Universität Madrids. Irgendwie erwartete ich imposante alte Gebäude und war dann doch etwas ernüchtert, als ich zum ersten Mal den Campus de Moncloa mit seinen relativ modernen Gebäuden betrat. Trotzdem, etwas schöner als die von meinen beiden deutschen Unis gewohnten Plattenbauten sind die Gebäude schon. Und dann der Blick aus den obersten Stockwerken der Fakultät für Geografie und Geschichte: auf der einen Seite die Stadt mit dem Faro de Moncloa im Vordergrund, auf der anderen Seite das Guadarrama-Gebirge.

 

Nun, so viel Zeit, um sich über die Architektur Gedanken zu machen, blieb am Anfang eigentlich gar nicht. In den ersten Wochen zog nämlich die Organisation unsere ganze Aufmerksamkeit auf sich. Wir, das waren meine deutschen Kommilitoninnen und ich. Unsere WhatsApp-Gruppe lief auf Hochtouren. „Bis wann müssen wir uns nochmal eingeschrieben haben?” „Habt ihr das Sekretariat gefunden??“ „Und schon wieder geschlossen – die Spanier und ihre Siesta...”

 

Es schien eine riesige Herausforderung zu sein, dass für unseren Master verschiedene Fakultäten miteinander kooperieren mussten. So etwas wie ein elektronisches Vorlesungsverzeichnis wie man es von deutschen Unis kennt und in dem alle Kurse samt Uhrzeit, Seminarraum und Kursbeginn aufgeführt sind, gibt es an der Complutense nicht. Jede Fakultät beginnt ihr Semester wann sie will und die genauen Kursbeginne mussten in der Regel direkt bei den Dozenten erfragt werden. Die meisten von ihnen freuten sich dann aber über den deutschen Zuwachs in ihren Kursen.

 

Ich könnte jetzt noch weiter über die, sagen wir, organisatorischen Unterschiede nachdenken, zum Beispiel darüber, dass die Prüfungstermine teilweise erst spontan einige Wochen vorher festgelegt werden, wohingegen es in Deutschland die Regel ist, den Termin in der ersten Sitzung des Semesters anzukündigen, aber ich glaube es genügt. Vielleicht soll uns Deutschen ja auch gelehrt werden, die Dinge etwas entspannter anzugehen und weniger akkurat. Spontan ist doch oft sowieso am besten und am Ende klappt es eh immer irgendwie.

 

Was wäre eine spanische Uni ohne Fiesta? Ende April wurde das größte Campusfest des Jahres angekündigt: San Cemento. Ich erwartete etwas Ähnliches wie beim Campusfest letztes Jahr in Regensburg: Sportaktivitäten, Essensstände, Konzerte, Musik und ja, auch Alkohol. Aber San Cemento ist etwas ganz anderes. Es ist einfach ein riesiger Botellón. Am späten Nachmittag strömten die Leute auf die Grünflächen des Campus, alle mit Plastiktüten in der Hand. Keine Essens- oder Trinkbuden, kein Konzert, keine Musik. Nur die 15.000-20.000 Studenten, die dicht gedrungen ihren mitgebrachten Alkohol konsumierten.

 

Langsam kehren meine Gedanken zurück zur Hausarbeit. Bevor ich wieder ganz in das Thema eintauche, muss ich noch über einige Dinge schmunzeln, die ich hier mehr oder weniger vermissen werde: die bequemen IKEA-Sessel in der Bibliothek, die halb kaputten, aber sehr nützlichen Mikrowellen vor jeder Cafeteria, der regelmäßige Gras-Geruch in einem bestimmten Fakultätsgebäude, der Stempel, den man am Wochenende in der Bibliothek bekommt und zu der etwas unangenehm zu beantwortenden Frage veranlasst, in welchen Club man denn vergangene Nacht gegangen sei... Und auch das anfänglich ungewohnte, aber dann sehr angenehme lockere Verhältnis zu den Dozenten, die per Du angesprochen werden. Um eines hat mich der Aufenthalt an dieser spanischen Uni auf jeden Fall bereichert. Drücken wir es lebenslauftauglich aus: um die Erweiterung meiner interkulturellen Kompetenz.

Kommentare (1) :

Kommentar von Admin 25.05.2017

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