Kein Schwein gehabt!

08.05.2009 - Stefanie Claudia Müller - scm-communication 

"Verfluchtes Schwein, ich wusste es schon immer!", das mag so mancher Moslem jetzt denken. Recht hat er, glauben wahrscheinlich jetzt auch einige Christen, zumindest was Schweine aus Mexiko betreffe. Und in Deutschland traut sich wohl kaum noch einer zu sagen, dass Schweine Glück bringen.  

Die Schweinegrippe hat alles durcheinander gebracht. Nicht ihre wirkliche Verbreitung ist so gefährlich, sondern die Hysterie, die ganz bewusst stimuliert wird, um zu vertuschen und zu diffamieren. Zeitungen denken nur an die dadurch steigende Auflage und nicht daran, Fakten zu liefern. Ein wunderschönes Land wie Mexiko, voll von Kultur und Intelligenzia, wird auf einen Virus reduziert, der überall kursieren könnte, leider aber dort ausgebrochen ist. Vor allem in Spanien bemerkt man nun bei vielen herablassende Töne über Mexikaner. Viele handeln, als hätte der Virus schon ihr Gehirn angegriffen. In Madrid laufen Japaner mit Mundschutz durch die Stadt, weil die dortigen Medien wohl vor dem "Ansteckungsherd" Spanien gewarnt haben. An meiner Uni wurde von einigen ernsthaft überlegt, ob man sich mit mexikanischen Studienkollegen noch treffen kann. Ist das nicht zum Schreien?  
 
Ich bin selbst Journalistin und muss mich schämen, dass sehr angesehene deutsche Zeitungen jetzt schreiben: "Eventuell xy Tote. Es kann sein..., es ist möglich...", also, dass relevante Zeitungen nur spekulieren über diese angeblich gefährliche Schweinegrippe. Die Folgen: In Ägypten werden eine Viertel Million Schweine notgeschlachtet, eine Vorsichtsmaßnahme, vielleicht aber auch ein willkommener Vorwand. Wer weiß...

Dabei hat die Weltgesundheitsorganisation gesagt, dass eine Übertragung vom Schwein auf den Menschen bisher nicht bewiesen sei. Es handelt sich ja um einen mutierten Schweinevirus, der VIELLEICHT einfach so in der Luft schwebt, deswegen sollte man BESSER Mundschutz tragen, VIELLEICHT sitzt der Virus aber auch im Schweinekotelett, deswegen haben in Mexiko viele Restaurants dicht gemacht... Ein Wahnsinn... An die wirtschaftlichen Folgen dieses Spekulierens mag man gar nicht denken, vor allem für ein noch immer in weiten Strecken armes Land wie Mexiko. Gibt es denn keine vernünftigen Forscher, die nicht nach irgendwelchen Interessen handeln, sondern neutral darüber informieren können, was wirklich passiert? Warum verschaffen sie sich nicht mehr Gehör?

Manchmal glaubt man, dass man Teil eines Tarantino-Films der übelsten Sorte ist oder sich mitten drin im neuesten James Bond befindet, wenn man solche Verschwörungstheorien hört: Die Pharmaindustrie habe das Ganze aufgebracht, um Impfstoffe auf den Markt zu bringen. Das SCHEINT nicht unwahrscheinlich, aber wie pervers wäre das bitte schön????? Ich wünschte mir journalistische Berichte, die dieser Spur nachgehen und aufdecken, wenn es etwas aufzudecken gibt. 

Dass die deutsche Gesundheitsministerin kürzliche aufforderte, nicht mehr nach Katalonien zu fahren, weil dort die meisten Fälle der Schweinegrippe aufgetaucht seien, scheint mir mehr als skandalös und fast Grund für eine Rücktrittsaufforderung. Wie blöd ist unsere Informationsgesellschaft eigentlich, dass wir jede auch noch so dumme Kuh durchs Dorf treiben, dass Zeitungen das Unglaubliche voneinander abschreiben, statt selber nachzudenken, nachzuforschen? Denken wir nur noch in Wellen? Apropos was ist eigentlich mit der Vogelgrippe? Das sollte doch auch eine Epidemie werden? 

Es ist ja gut, auf der Hut zu sein und alles zu tun, damit wir nicht von Killer-Viren befallen werden. Ich befürchte jedoch, dass demnächst an Flughäfen nicht nur Menschen nach Flüssigkeiten und spitzen Gegenständen untersucht, sondern auch auf Viren und Bakterien gescannt werden. Da tut sich wieder ein völlig neues Geschäftsfeld für Unternehmen wie Siemens auf. Aber es wäre der Horror für alle, die es, wie ich, lieben zu reisen! 

Eigentlich kann man über die Hysterie der Schweinegrippe nur lachen, wenn die Folgen nicht so ernst wären. Im Saarland wird jetzt zum Beispiel die Bevölkerung  aufgefordert, sich nicht mehr zu nahe zu kommen, wegen der Ansteckungsgefahr, also Kussverbot! Mehr dazu hier.

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