Bitte nicht jammern!

19.04.2009 - Stefanie Claudia Müller - scm communication 

Was für eine Nachricht: “Die spanischen Bauentwickler bitten den Staat, die Neubau-Wohnungen zu kaufen, die sie selber nicht los werden”. So stand es in der spanischen Wirtschaftszeitung Cinco Días vor ein paar Tagen. Was für eine Frechheit! Da zerstören sie die Landschaft, um wunderschöne Metropolen mit hässlichen Hochhäusern zu umsäumen und betonieren die Küsten zu, größtenteils völlig planlos und dann wollen sie auch noch ein Entschädigung dafür, dass sie weder Marktstudien gemacht haben, noch ein bisschen wirtschaftlichen Verstand bewiesen haben, aber die Umwelt teilweise für immer kaputt gemacht haben. Von der puren Gier geleitet, dass die nächsten 200 Wohnungen auch wieder mit 20 Prozent Gewinn verkauft werden könnten, stellen sie nun fest, dass die Nachfrage für diese vielen hunderttausend pisos nicht da ist. 

Statt den Staat um Geld zu bitten, sollten diese Bauträger, die sich über viele Jahre auf einfachste Weise die Taschen vollgemacht haben, lieber die Bürger entschädigen, die mit diesen Hochhäusern und reichlich mittelmäßigen Ferienwohn-Komplexen vor ihrer Nase leben müssen und die vielfach in den in Hochglanz-Projekten als Luxus-Wohnungen angepriesenen Apartments mit Feuchtigkeit, schlechten Holzvorrichtungen und Abdichtungen sowie nicht funktionierenden elektrischen Leitungen leben müssen. 

Das spanische Baugeschäft war über zehn Jahre für verdammt viele Leute verdammt lukrativ: für Käufer, Bauentwickler, für Banken und auch für den Staat. Jetzt klagen auf einmal alle über die Nachfragekrise und fast alle bitten um Hilfe, statt selbst mit Kreativität aus der Krise zu finden. Lobenswerte Ausnahmen sind dabei einige spanische Finanzinstitute, die versuchen, selber, ohne staatliche Hilfe, die Karre aus dem Dreck zu ziehen. 

Nicht nachzuvollziehen sind dagegen die Proteste von Menschen mit nicht mehr zu zahlenden Hypotheken. Sie positionieren sich vor Banken, vor dem spanischen Regierungssitz, der Moncloa, als hätte man sie dort betrogen. Sicherlich wurde ihnen was aufgeschwatzt. Aber müssen sie nicht auch selber einschätzen können, ob sie die Hypothek auch bei steigenden Zinsen oder möglichem Jobverlust noch bezahlen können?  Die meisten wussten doch, dass die Wohnung, welche sie kauften, eigentlich nur ein Drittel von dem wert war, was da im Kaufvertrag stand. 

Aber viele Spanier wollten es nicht wahrhaben, hofften, kurze Zeit später wieder mit Gewinn verkaufen zu können, und viele hatten auch nicht den Vergleich mit anderen Märkten. Sie wollten einfach nur das eigene Dach überm Kopf, egal ob mit lebenslanger Verschuldung. Sie dachten nicht an ein Szenario, wo in einem Haushalt vielleicht ein Gehalt ausfällt oder sogar zwei.

Natürlich sieht die Situation für viele spanische Familien jetzt brenzlig aus, aber war nicht abzusehen, dass das Wirtschaftswachstum zurückgehen und damit auch der Arbeitsmarkt schrumpfen würde? Man hätte doch schon vor drei Jahren zurücklegen müssen für die Zeit nach dem Boom. Die Medien und auch die Regierung haben gewarnt, wenn auch zu moderat und vielleicht etwas zu spät. Wo ist das ganze Geld der goldenen Jahre geblieben? In eine bessere Ausbildung, mehr Qualität oder Sicherheit ist es sicherlich nicht gesteckt worden.

Auch in Deutschland jammern sie jetzt, schreien in der Krise, die dort noch nicht so stark bei der Bevölkerung angekommen ist, nach dem Staat, halten Unternehmen die Hand auf. Aber letztendlich geht es den meisten Haushalten dort noch relativ gut, auch weil der Staat sie gut abfängt und auch weil viele vorgesorgt und sich gar nicht erst so hoch verschuldet haben. In Spanien jedoch steigt die Arbeitslosigkeit rasant, liegt bereits bei über 15 Prozent und das bei einer privaten Rekordverschuldung. Die Krise ist damit überall spürbar. 

Jetzt ist Kreativität und Flexibilität gefragt, für beides sind die Spanier eigentlich bekannt. Aber noch ist davon nicht soviel zu spüren. Auf einem Dorf in der Nähe von Madrid muss man immer noch 18 Euro für eine Lammkeule und Fritten in Öl schwimmend bezahlen. Und das obwohl hier trotz Wochenende nur drei Tische besetzt sind. Man kann nur hoffen, dass die spanische Regierung mehr auf Selbständigkeit, Kreativität und Anpassungsfähgikeit und nicht auf staatliche Hilfen à la "ich kauf Euch mal den Schrott ab, den ihr produziert habt" setzt. Dann hätte dieses Land wirklich gar nichts aus der Immobilienkrise gelernt.  Und auch nicht aus den Fehlern der Nachbarländer, wo Regierungen mit Geld um sich schmeißen, das sie nicht haben, wo man in den vergangenen Monaten Unternehmen und Banken stützte, die einfach nichts mehr wert sind.

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