Die Rebajas-Falle

17.07.2008 - Jenna Steenken - Journalistin 

Nun ist es wieder so weit. Endlich sind die Rebajas da! Sechs Wochen einkaufen zum Schnäppchenpreis, so günstig, da kann man viel Geld sparen und Shoppen ohne schlechtes Gewissen.

Froh bin ich, dass ich über zwei Jahre gebraucht habe, richtig zu begreifen, dass es zwei feste Zeiten im Jahr gibt. Sorglos habe ich in der Zeit davor eingekauft, ob nun runtergesetzt oder nicht, dass war Zufall oder Glück. Das ist vorbei, seit mich mein Freundes-und Bekanntenkreis angesteckt hat mit seinem „Ich gehe nur noch zu Zara Home, wenn Rebajas sind.“, „Du findest die Hose schön? Sechs Euro bei Mango, Outlet und Rebajas.“ Ich erblasse vor Neid. Bei mir ist beim Hosenkauf eine Null dran, mindestens. Man muss nur ein bisschen wühlen sagt mein Gegenüber. 

Und da haben wir schon das erste Problem. Kann ich nicht und will ich nicht. Ich bin der Einkäufer-Typ, rein in den Laden, Blick schweifen lassen über alles. Nichts dabei, was mein Auge einfängt. Also nichts wie raus. Wühlberge mit "todos dos Euros- Schildern" würdige ich keines Blickes, auch anderes Runtergesetztes nehme ich erst neuerdings in die Hand. Weil ich irgendwie denke, ich muss. Schließlich ist alles so schön günstig.

So weit ist es gekommen, dass ich zu Nicht-Rebajas-Zeiten kaum noch einen Laden betrete und wenn, nur noch um schon mal zu wissen, wonach ich dann gucken kann, wenn endlich wieder so weit ist. Neulich aber hatte ich ein Problem. Wir waren Ende Juni zu einer Hochzeit in Süddeutschland geladen. Schlechtes Wetter würde es geben, sagte die Vorschau. Meine Kinder brauchen was Warmes zum Anziehen und zwar jetzt sofort dachte ich. An jenem Tag ging ich drei Mal zu Zara, das letzte Mal mit beiden Kindern, was mir den Nerv raubte, aber immerhin ging ich mit Strickjäckchen, Wollkleidchen und diversen Blüschen wieder raus. Nachdem mein Mann sich zufrieden gezeigt hatte mit der Wahl, muss ich wohl die Quittung weggeworfen haben. 

In Deutschland hatte es auf jeden Fall 30 Grad im Schatten, meine Mädchen hatten normale Sommerkleidchen an und als wir zurückkamen, waren die gekauften Wollsachen um ein Drittel reduziert und die Rechnung unauffindbar. Natürlich habe ich mich geärgert. Und wie. So etwas kann mich gedanklich Wochen beschäftigen. Gäbe es keine Rebajas, müsste ich mich jetzt nicht aufregen.

Noch ein Beispiel. Zu meinem Einkaufstyp gehört es auch, bei der Auswahl kaum in der Lage zu sein, Entscheidungen zu treffen. Nehme ich das Grüne oder doch lieber Oliv und welche Größe. Aber brauche ich es auch wirklich? Das ist die tödliche Frage, die in meinem Kopf rumspuckt und mich in meinem Kopf den gesamten Kleiderschrank – und den meiner Kinder - durchgehen lässt. Habe ich so was Ähnliches schon? Wenn nicht, wozu lässt es sich überhaupt kombinieren? Und so weiter und so fort. Oft bin ich also gefühlte Tage in einem Laden und lasse am Schluss doch fast alles da. 

Vielleicht sollte ich einfach meinen Mann mitnehmen, denke ich, der wird begeistert sein, bei den niedrigen Preisen. Und wie viel Geld er dadurch spart?
Diese Idee erweist sich als Fehlentscheidung. Guck mal sag ich, ist das nicht niedlich, kostet auch nur einen Euro? Brauchen wir das denn? Hat sie nicht schon genug Kleidchen, fragt er scheinbar harmlos. Ja, Du hast Recht, gebe ich klein bei. Also keine Kleidchen für die Kleinen. Ein T-Shirt vielleicht und die schöne Hose schon für das nächste Jahr. Jetzt wird mein Mann aber langsam böse, dass sehe ich ihm an. Er will nichts auf Vorrat kaufen, das fliegt doch bloß rum und nachher passt es nicht. Außerdem immer dieser ganze Konsum, das rege ihn auf sagt er, man kauft lauter Sachen, die man nicht braucht, nur weil man denkt man spart Geld. Und am Ende gibt man mehr aus als ohne Rebajas. Ich sage nichts mehr.

Zwei Läden weiter kaufen wir Hosen und Hemden für ihn und mich. Alles Nueva Collecion - einkaufen macht doch noch Spaß. Und kosten tut es immer was.

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