Ich liebe Eure Emotionen!

13.07.2008 - Stefanie Claudia Müller - scm-communication 

Die Spanier treiben mir immer wieder die Tränen in die Augen. Am Samstag war ich am Madrider Flughafen, um mein deutsches Sommer-Au-pair abzuholen. Als ich die Wartehalle betrat, dachte ich, dass in jedem Augenblick ein Fußballstar durch die Tür der Kofferauslieferung kommen müsste, vielleicht EM-Torschützenkönig Torres. Eine große Menschentraube hatte sich vor dem Ausgang versammelt, Jubelschreie waren zu hören. Ich näherte mich aufgeregt der Absperrung, da wollte ich doch auch dabei sein, wenn Torres durch die sich im Minutentakt automatisch öffnende Tür kommt.

Aber dann, von wegen Fußballstar. Die Frauen, Männer und Kinder warteten auf Gastschüler aus Hamburg und ihre eigenen Kinder, die dort gerade ein paar Wochen in deutschen Familien verbracht hatten. Eine Allianz zwischen einer Schule in Leganés und Hamburg verursachte diese Emotionen, nicht Torres oder David Villa. Riesige Plakate hielten die spanischen Gastfamilien hoch, auf denen sie beide Flaggen gemalt hatten und ein großes „Willkommen / Bienvenidos“. Jedes Mal, wenn die Tür aufging, schrieen sie „Hamburgo, Hamburgo...“. Alle waren aufgeregt, wie richtige Fußballfans..., spanische Fußballfans.

"Was für ein Empfang," dachte ich und merkte, wie mir die Tränen in die Augen schossen. Dafür liebe ich die Spanier. Sie können einen, vor allem uns Deutsche, mit ihrer Leidenschaft und Emotionalität immer wieder rühren. Es ist kein Klischee, dass wir mehr auf Distanz gehen und Gefühle nicht im alltäglichen Umgang so spontan äußern wie unsere südeuropäischen Nachbarn. Oft wirken wir im zwischenmenschlichen Umgang verkrampft.

Mir haben die Madrilenen das in den vergangenen Jahren abgewöhnt, weil sie einen einfach direkt in den Arm nehmen, zumindest Küsschen auf die Wangen werfen und man dann einfach irgendwann dasselbe tut. Inzwischen bin ich auch in Deutschland mit vielen Freunden und Bekannten herzlicher. Oft merke ich jedoch, wie die Leute zusammenzucken, wenn man sie fest umarmt oder sie auf die Wangen küsst, obwohl man sie vielleicht nicht so gut kennt. Schnell werden diese spontanen Gesten falsch interpretiert.

Natürlich, von so manchem unrasierten Spanier möchte man am liebsten keine Küsschen auf die Wangen haben, aber alles in allem ist es eine sehr schöne Sache, diese spontane Herzlichkeit der Spanier, auch bei Bekannten. Sie schafft direkt Nähe und die braucht man nicht nur im Privaten, sondern auch im Geschäft. Wir Deutsche wollen immer seriös wirken und glauben, dass zuviel Gefühl oder Privates uns unseriös macht, vor allem auf dem Arbeitsplatz. Dabei ist das Quatsch, das sind zumindest meine Erfahrungen nach zwei Jahren Arbeit in einem US-Unternehmen, vier Jahren bei einem deutschen Unternehmen und acht Jahre als selbstständige Journalistin in Spanien. Gute Stimmung kann nur gut sein und gute Stimmung entsteht nicht durch Abstand, sondern durch Nähe.

Die Herzlichkeit der Spanier macht dieses Land so liebenswert und das Arbeiten angenehmer. Es erklärt, warum so viele Deutsche auch nach dem Scheitern ihrer privaten Beziehungen mit Spaniern und Spanierinnen, lieber hier bleiben, selbst wenn sie hier weniger verdienen als in der Heimat. Man muss auch mal den Kopf vergessen können. Wir Deutschen können das nur schwer, zum Beispiel beim Fußballspielen. Ich verstehe ja nicht viel davon, aber die Deutschen kicken irgendwie für mein Verständnis mechanisch, die Spanier dagegen zaubern, weil sie mit Gefühl spielen. Auch die Fußball-Kommentatoren beider Länder arbeiten völlig unterschiedlich. In Deutschland kann man bei einem Fußballspiel im Fernsehen auch den Ton abschalten und verpasst nichts, da meist eh immer nur gesagt wird, wer gerade den Ball hat. Bei den Spaniern dagegen wird mitgefiebert, egal, ob die eigene Mannschaft spielt oder Russland gegen Holland.

Mir ging am Samstag auf dem Flughafen nur eins durch den Kopf: "Wie mochten die Hamburger wohl die Kinder aus Spanien vor ein paar Wochen empfangen haben. Per Handschlag, mit einem spröden „Hallo“ oder „Wie geht es?“ Besser nicht drüber nachdenken, wir können da noch einiges lernen.

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