Laßt uns mehr und besser streiten!

03.06.2007 - Karin Finkenzeller - Korrespondentin Financial Times Deutschland 

Im deutschen Sprachgebrauch gibt es Begriffe, die sich in keinem spanischen Wörterbuch finden. „Streitkultur“ ist einer davon. Nun, werden Sie sagen, es gibt Schlimmeres. Natürlich. Doch das Fehlen dieses von Ulrich Sarcinelli geprägten Begriffes zeigt einen deutlichen Unterschied in der Auseinandersetzung zwischen Deutschen und Spaniern.Während erstere Konflikte zwischen Einzelnen und Gruppen als Normalität, ja als natürliche und notwendige Folge eines lebendigen menschlichen Zusammenlebens betrachten, ist Streiten – und mithin auch der Wettstreit von divergierenden Argumenten und die dabei geübte Kritik - in Spanien negativ besetzt. So kann „discutir“ keinesfalls mit „diskutieren“ übersetzt werden, und eine spanische „discusión“ ist keine „Diskussion“ in dem Sinne, dass hier verschiedene Argumente gegeneinander stehen und nach einem fairen Ausgleich gesucht wird. Es handelt sich vielmehr um einen heftigen, emotional geführten Streit, der durchaus zum Bruch der Streitenden führen kann. Was Deutsche unter „Diskussion“ begreifen, ist im Spanischen eine „debate“.Der in Deutschland häufig erhobenen Forderung nach einer neuen Streitkultur liegt die Überzeugung zu Grunde, dass Demokratie des Streites bedarf, und der Streit eine Streitkultur braucht. Das Problem ist weniger, ob es Konflikte gibt, sondern wie sie ausgetragen werden. Wenngleich Spanier zumeist sehr laut miteinander sprechen und man als ausländischer Zuhörer folglich häufig den Eindruck hat, dass sie ständig miteinander streiten, werden Konflikte lieber verschwiegen. Kritik am anderen zu üben, ist ein Spanien eine sensible und heikle Angelegenheit.Seinem Ärger verbal Luft zu machen, dass der spanische Gegenpart, etwa bei einer Behörde, aber auch in privaten, zwischen-menschlichen Beziehungen, nicht oder nicht schnell genug einer augenscheinlich berechtigten Forderung nachkommt, mag einem persönliche Erleichterung verschaffen. Man hat seine Lungen gereinigt. Es wird aber mit Sicherheit nicht dazu beitragen, dass dem Anliegen entsprochen wird. Im Gegenteil. Wer sich nach spanischer Auffassung derart „ungezogen“ benimmt, ist unten durch.Eon-Chef Wulf Bernotat ist ein prominentes Beispiel für ein solches Scheitern. Anstatt vor der Präsentation seiner Übernahmeofferte für den spanischen Energiekonzern Endesa im Februar 2006 bei der Regierung artig vorzufühlen, pochte er wieder und wieder darauf, dass der Markt, sprich die Aktionäre zu entscheiden hätten. Natürlich hatte er damit Recht. Immerhin ist Endesa seit den 90er Jahren ein privates Unternehmen. Aber da mögen doch bitte nicht so Teutone aus dem Nichts auftauchen und den Spaniern erklären, was sie zu tun hätten.Bernotat wurde von spanischen Journalisten, Politikern und auch Verbrauchern als arrogant und überheblich empfunden. Dass er den „Streit“ um Endesa nach mehr als einem Jahr schließlich verlor, lag weniger daran, dass die Italiener so viel cleverer gewesen wären. Bernotat hatte die Spanier einfach nicht verstanden und war von Anfang an schlecht beraten.Mit ist nicht klar, ob dieses Nichtvorhandensein einer Streitkultur in den Ursprüngen der spanischen Demokratie nach dem Tod von Diktator Francisco Franco zu Grunde liegt, oder ob sie bereits die Voraussetzung für einen nach deutschem Verständnis völlig unbegreiflichen Umgang mit der Geschichte von Bürgerkrieg und Diktatur war. Die Anhänger des Diktators, der eine durch demokratische Wahlen legitimierte republikanische Regierung in einem blutigen Bürgerkrieg mit mehreren hunderttausend Toten aus dem Amt jagte und deren (überlebende) Parteigänger anschließend fast 40 lange Jahre lang knebelte, schlossen mit eben jenen einen Pakt des Schweigens.Über das geschehene Unrecht sollte nie wieder gesprochen werden. Man mag sich nur einmal das damit einher gehende Ausmaß and Selbstverleugnung und unkanalisiertem Schmerz vorzustellen versuchen. Dass der junge, sozialdemokratische Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero bald nach seinem Amtsantritt 2004 die Chuzpe hatte, von seinem republikanischen Großvater zu sprechen, der im Bürgerkrieg erschossen wurde, löste einen Aufschrei der Empörung in konservativen Zirkeln aus. Zapatero hatte den Pakt des Schweigens gebrochen. Was nach deutscher Einschätzung durchaus verständlich und sogar willkommen erscheint, wird von einem Großteil der spanischen Bevölkerung als Aufreißen verheilter Wunden und Spaltung der Gesellschaft abgelehnt. Dass Wunden nur dann – nahezu narbefrei – schließen können, wenn sie gesäubert und gut vernäht werden, ist kein Gedanke, der in Spanien derzeit eine Mehrheit findet. Das unschöne politische Gezerre um eine zumindest moralische Wiedergutmachung an den (ohnehin nur noch wenigen verbliebenen) Opfern von Bürgerkrieg und Diktatur ist Ausdruck dieser Verweigerung, einen Konflikt im Konsens zu lösen.Ähnlich verhält es sich mit dem Kampf gegen die Terrororganisation ETA im Baskenland. Es mag unbestritten sein, dass das 2003 im Konsens zwischen der damaligen konservativen PP-Regierung und der PSOE-Opposition vereinbarte Parteienverbot für Batasuna, den politischen Arm der ETA, deutlich zur Schwächung der Terrororganisation beigetragen hat. Dennoch kann nicht übersehen werden, dass eine nicht unbeträchtliche Zahl von Basken nach wie vor von einer Unabhängigkeit oder zumindest erheblichen Ausweitung der bestehenden Autonomieregelung träumt. Eine Auflösung der ETA im Zuge des Dialogs zu suchen, erscheint (dem ausländischen Betrachter) nach 40 Jahren mit mehr als 800 Opfern tödlicher Anschläge und zig tausenden Menschen, die sich nur mit Leibwächtern aus dem Haus wagen können, als schwierige, aber noble Absicht. Was wäre denn die Alternative? Nach Ansicht der PP ein hartes Vorgehen mit polizeilichen und juristischen Mitteln. Mag sein, dass man damit eines Tages den harten Kern der ETA hinter Schloss und Riegel bringen kann. Deren Überzeugungen lassen sich aber nicht einfach wegsperren. Sie würden vermutlich über Generationen weiter in den Köpfen vieler weiterleben. Die Angst wird nicht schwinden, so lange nicht in – mit Sicherheit langwierigen – Diskussionen ein Konsens herbei geführt werden kann, dass Gewalt kein Mittel durch Durchsetzung von Zielen sein darf.Was Zapatero versucht, ist die Einführung einer Streitkultur in der spanischen Gesellschaft: mit Worten und Medien den eigenen Standpunkt vertreten zu können, ohne dem Anderen abzusprechen, dass auch er einen abweichenden Standpunkt besitzt und besitzen darf. Er hat sich dabei gleich die beiden schwierigsten, weil emotional am stärksten besetzten Themen ausgesucht. Deshalb ist die Diskussion darüber bisher lediglich eine „discusión“.

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