Hilfsbereite Spanier - ein Loblied

23.11.2007 - Jana Reiss - Juristin 

Im Blog von madridfuerdeutsche.com hat der/die eine oder andere schon mal etwas Frust abgelassen über Spanien und insbesondere den Straßenverkehr.Ich möchte heute aber mal von einem rundum positiven Erlebnis mit Spaniern berichten, obwohl der Anlass alles andere als positiv ist. Ich hatte neulich einen Autounfall und war zu allem Unglück auch noch schuld. Es war einer dieser Tage, an dem ich mir viel zu viel vorgenommen hatte - arbeiten, schnell den Wochendeinkauf erledigen, kurz nach Hause, damit die Joghurts nicht im Auto in der Sonne zu schnell rechtsdrehen, gleich weiter zum Colegio, den Kleinen abholen und dann zum Klavierunterricht.Ein bisschen abgelenkt vom Sohnemann und dem Gespräch über die Erlebnisse im Colegio wars auch schon passiert. Da ist es auch nur wenig Trost, wenn man zu hören bekommt: Ah - lo de siempre, was heißen soll, dass an dieser Kreuzung ständig Unfälle passieren. Zum Glück ist niemanden etwas passiert, nur Blechschaden, den die Versicherung zahlt.Und nun zu den hilfsbereiten Spaniern. Nach dem Unfall waren gleich mehrere Passanten zur Stelle, die ihre Hilfe anboten bzw. auch wirklich halfen. Eine ältere Dame, die mit ihrem Hund Spazieren war, kaufte sofort am nahegelegenen Zeitungsstand einen Lolli für meinen Sohn und kümmerte sich rührend um ihn.Die beiden spielten die gesamte Dauer der Abwicklung des Unfalls mit dem Hund, so dass ich mich voll auf Polizei und Unfallgegner konzentrieren konnte. Ein anderer Herr stellte sein Handy zur Verfügung, um Polizei, Versicherung und Abschleppwagen benachrichtigen zu können.Ein Vater, den ich nur vom Sehen her aus dem Colegio kannte und der mit seinem Sohn auf dem Heimweg am Unfall vorbeifuhr, bot an, meinen Sohn mit zu sich nach Hause zu nehmen, damit die Jungs ein bisschen zu Hause spielen könnten bis alles geregelt ist. Als ich das dankend ablehnte, fuhr er mit dem Auto nach Hause, kam zu Fuß mit seinem Sohn zur Unfallstelle zurück und brachte meinem Kleinen etwas zu trinken und einen Müsliriegel.Und auch die den Unfall aufnehmenden Polizisten waren ausgesprochen freundlich und hilfsbereit. Ich witterte nach dem Unfall nämlich schon mein zweites Unheil, denn ich habe noch so einen schönen rosa Führerschein, ausgestellt 1994 in Deutschland. Aber das störte die Polizisten gar nicht. Eben so wenig störte sie, dass ich eindeutig die Vorfahrt genommen hatte.Sie nahmen den Unfallhergang zu Protokoll, überzeugten sich, dass auch wirklich ordentlich die Vorfahrtsschilder zu sehen waren und fertig. Nichts weiter. Keine Geldstrafe, keine Punkte, keine ermahnenden Worte - nichts. In Deutschland hätte ich zu dem Schock über den Unfall gleich noch einen über die saftige Strafe bekommen.Zum Schluss bot mir die Dame mit dem Hund noch an, mich und meinen Sohn mit dem Auto nach Hause zu bringen. Sie wohne gleich um die Ecke und sei sofort mit dem Auto hier. Das Hilfsangebot war so eindringlich, dass ich das bereits bestellte Taxi wieder abbestellen musste. Insgesamt war es unglaublich rührend, wie freundlich und hilfsbereit die Spanier waren.

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