Am rechten Rand

17.09.2010 - Robin Hartmann - Journalist 

Das „Ministerio de Asuntos Exteriores y de Cooperación” und die “Casa Sefarad-Israel” haben unlängst ihre Studie zum Thema „Antisemitismus in Spanien“ vorgestellt. Anlass war der beunruhigende Anstieg antisemitischen Gedankengutes innerhalb der spanischen Bevölkerung in einer Quantität, die selbst Experten erschreckte. So habe sich laut einer Untersuchung des PEW Research Center in den Jahren 2005-2008 die Prozentzahl derjenigen, die negativ über jüdische Mitbürger dachten, auf 46 erhöht – und somit mehr als verdoppelt. Dieser Umfrage zufolge stellte Spanien damit den traurigen Rekord auf, das europäische Land mit der stärksten Neigung zu antisemitischen Ansichten zu sein – und noch dazu das einzige, in dem eine ablehnende Grundeinstellung gegenüber jüdischen Mitbürgern überwog.

So ist es durchaus als positiv zu werten, dass in der aktuellen Studie, durchgeführt von DYM Market Research, eine deutliche Trendwende erkennbar ist. Von über tausend per Telefon befragten Spaniern gaben „nur noch“ 34,6 an, eine negative Meinung von der jüdischen Bevölkerung in ihrem Land zu haben.

Doch kann man es wirklich als Erfolg werten, wenn immer noch einer von drei Spaniern Ressentiments gegen Juden hegt?

Zur Erklärung: Die in der Studie getroffenen Aussagen wurden in zwei Kategorien unterteilt: „Traditioneller Antisemitismus, zurück zu führen auf religiöse und kulturelle Differenzen“ sowie „Ökonomisch bzw. politisch motivierter Antisemitismus“.
So stellte sich unter anderem heraus, dass die geäußerte antisemitische Stimmung vor allem „auf das außenpolitische Handeln Israels“ zurück zu führen ist, nicht auf das jüdische Volk als solches. Mit 63,4 sei der jüdische Staat die Nummer zwei der in Spanien unbeliebtesten Länder, nur noch übertroffen vom Iran. Jeder zehnte ist ebenfalls der Ansicht, Juden würden in Spanien Probleme verursachen, wobei dieser Umfragewert laut der Studie vor allem auf die generelle Einwandererdebatte zurück zu führen sei – Spanien ist momentan das Land mit dem höchsten Immigrationsanteil in ganz Europa.

Immerhin: 83,5 der Befragten gaben an, das jüdische Volk habe „das Recht, innerhalb der international anerkannten Grenzen zu existieren“, während gleichzeitig aber jeder Zehnte die Aussage bejaht, der Staat Israel als solcher „müsse verschwinden, da er auf dem Territorium arabischer Staaten gegründet wurde“.

Die Umfragewerte in ihrer Gesamtheit sind aber umso beunruhigender, als dass Orthodoxe Christen und Protestanten in Spanien offenbar genauso wenig anerkannt sind wie die jüdische Bevölkerung, Muslime sogar noch missliebiger. Von ihnen haben nämlich laut der Befragung 53,6 eine schlechte Meinung. Und auch von anderen Ländern denkt der Spanier offensichtlich schlecht, so zum Beispiel von Palästina oder auch Marokko (50,4 bzw. 55,9).

Diese Werte sind zweifelsohne, wie uns nicht zuletzt die Geschichte lehrt, auch und zum Großteil auf eine wachsende Unzufriedenheit im Land zurück zu führen. Die Auswirkungen der Wirtschafts- und der Finanzkrise sind in Spanien immer noch spürbar, die Immobilienblase ist geplatzt, die Arbeitslosigkeit besonders unter Jugendlichen exorbitant hoch. Um letztendlich einen politischen Rechtsruck wie zum Beispiel in den Niederlanden oder Dänemark zu verhindern, müssen Spaniens Politiker jetzt aktiv werden – und das über die kommenden Wahlen hinaus.

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