Gespaltene Stimmung in Spanien zum Jahresende

01.11.2010 - Philipp Dyckerhoff - Pecunia Consult  

Während in einigen europäischen Ländern, insbesondere in Deutschland, die „Krise“ vorbei zu sein scheint, höre ich immer wieder, dass die Krise in Spanien noch gar nicht richtig angefangen hat. Das sagen zum Beispiel gut ausgebildeten Spanier, solche mit Auslandserfahrung und auch Ausländer, die hier leben.

Viele in Spanien haben andererseits den Ernst der Lage noch immer nicht begriffen. So höre ich, dass die Spanier nicht viel über die Krise reden, wenn sie sich privat treffen. Ganz nach dem Motto: „Mal sehen, was morgen ist. Wird schon klappen!“. Es ist nicht „in“ bei privaten Treffen über solche Themen zu sprechen.

Generell scheint sich die Stimmung aber doch verschlechtert zu haben. Ein Spanier, der im Ausland wohnt und regelmäßig seine Familie besucht, sagte mir im Sommer, dass Ende 2009 die Stimmung noch recht entspannt war, im Sommer 2010 die Sorgen aber enorm zugenommen hätten.

Es wird geschimpft, dass die Krise seitens der Unternehmer und Politiker als Entschuldigung für zu harte Maßnahmen missbraucht wird, dass „große Fische“ noch größer werden, dass die Gehälter geringer geworden sind dass die Arbeitsbedingungen schlechter geworden sind, weil durch Personalabbau die Arbeit auf weniger Schultern verteilt ist.

Auch gut qualifizierte Leute sind immer häufiger ohne Arbeit. Es ist nicht mehr irgend jemand, der arbeitslos ist, sondern ein Bekannter, ein Freund eines Freundes. Noch werden viele in ihren Familien aufgefangen. Erstaunlicherweise versuchen scheinbar noch mehr Menschen als sonst in den Staatsdienst zu gehen. Andererseits gibt es erstaunlich wenig Wechselbereitschaft in andere Länder, selbst bei denen, die Sprachen sprechen.

Vielen ist das Ausmaß der Krise nicht bewusst. Es wird schon wieder werden. Aber wenn man kritisch hinterfragt, auf welcher Basis in Spanien denn der Aufschwung aufbauen soll, wird die Diskussion schwammig. Es scheint noch ein sich Wehren zu sein, nach dem Motto, das kann doch gar nicht so schlimm sein. Spanische Banken werden immer noch gelobt, da hat es doch – ganz im Gegensatz zu Deutschland – gar keine Probleme gegeben. Dass diese noch kommen dürften, weil die Banken mit immer mehr Zahlungsausfällen konfrontiert werden und andererseits auf vielen Immobilien sitzen, die viel zu hoch bewertet in ihren Büchern stehen, wird ungern gesehen. Was passiert, wenn die EZB in 2011 die Zinsen erhöhen sollte? Was passiert, wenn im Jahr 2011 die EU-Zuschüsse ganz wegfallen?

Schwierige Zeiten scheinen die Meinungen noch mehr zu polarisieren als sonst. Vielfach wird die Schuld auf andere geschoben. Ich habe den Eindruck, dass die Spanier vor allem Premier Zapatero mit seiner Regierung für die Krise verantwortlich machen. Schwierige Zeiten fördern leider auch extreme Ansichten – die Kluft zwischen den Katalanen und den Spaniern wird eher größer. Ein Zusammenrücken dürfte besser geeignet sein, gemeinsam Lösungen zu finden und wieder auf die Beine zu kommen. Der vor allem selbstkritische Blick auf das, was in den letzten Jahren falsch gelaufen ist, verbunden mit einem klaren Bekenntnis zu ehrlicher Veränderung wäre wünschenswert.

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