Die Folgen der Umweltsünden

23.08.2009 - Clementine Kügler - Übersetzerin 

Die Zeitung „La Vanguardia“ aus Barcelona, die ich wegen ihrer unaufgeregten Berichterstattung schätzte, veröffentlicht im Sommerloch als Aufmacher einen Artikel über DDT in unseren Körpern: „Alarm wegen der Präsenz von Giften im Körper“. Alle der 919 katalanischen Testpersonen hätte Spuren von einem der 19 untersuchten Gifte. Beim Vergleich mit anderen Ländern finden leichte Verschiebungen statt, in Deutschland sei etwa der Anteil von PCB höher, in Spanien von HCB, aber kein Land hätte giftfreie Bürger.

Da fühlte ich mich schlagartig versetzt in vergangene Zeiten, als wir vor über zwanzig Jahren Deutschland verließen und damit die Sorge um bewusste Ernährung, gesunde Landwirtschaft etc. Wir kamen nach Spanien und lernten das unbekümmerte Genießen: viel Fleisch, Chupitos, Zigarre nach dem Essen, wenig Schlaf...

Angst vor Fett oder totem Tier? Man solle mal nicht so pingelig sein. Aber ärgerlich war sie schon, diese Unbekümmertheit, mit der die Kneipenwirtin die Spraydose mit dem Insektizid zückte und über die von der Decke hängenden Schinken sprühte, um die Fliegen zu verscheuchen – und das vor laufender Kamera, ausgestrahlt zur Hauptsendezeit im deutschen Fernsehen. Da machte sich die Mama gleich wieder Sorgen.

Inzwischen sind die Nachrichten über mit Pestiziden belastetes Gemüse oder mit Antibiotika verseuchten Lachs, die überdüngte Plastikkultur aus Almería oder die umweltzerstörenden Meeresfrüchtefabriken in Übersee, deren Produkte wie im spanischen Supermarkt kaufen, keine Seltenheit mehr. Und dass sich die Substanzen, einmal eingelagert, nicht aus dem Körper eliminieren, wissen wir dank „La Vanguardia“ jetzt auch. DDT ist seit 1977 verboten und doch in der Kette.

Besuch aus Deutschland macht immer wieder deutlich, wie langsam sich in Spanien – in Katalonien ein bisschen schneller – erst ein Bewusstsein entwickelt für gesunde Ernährung, gesunde Landwirtschaft. Bioläden sind noch immer eine Rarität, auch wenn es inzwischen immer mehr gibt. Kampagnen, Ärzte, die selbst auf eine schlanke Linie achten, die zunehmende Rezeptpflicht für Medikamente, die Mülltrennung, es tut sich etwas. Vielleicht liegt es daran, dass es noch soviel relativ unberührte Natur gibt, weniger Besiedelung, hohe Berge, richtige Flüsse, das man denkt, die Ressourcen in Spanien seien unberührter.

Und klar: ist da nicht die viel gelobte dieta mediterránea: viel Fisch, viel Salat und Gemüse, Reis und Hülsenfrüchte. Und reines Olivenöl? Und die hohe Lebenserwartung in Spanien? Sie ist im EU-Vergleich überdurchschnittlich hoch und im letzten Jahrzehnt um zwei Jahre auf 77 Jahre für Männer und 84 Jahre für Frauen gestiegen, war gerade auf diesem Portal zu lesen. 

Noch geht es uns doch ausgezeichnet: und nichts schöneres, als das im Freundes- und Familienkreis mit einem ausgiebigen Grillabend zu feiern!

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