Geburten in Spanien - zu geschäftsorientiert?

11.10.2015 - Meike von Lojewski / Madrid und Barcelona für Deutsche 

In Spanien liegt das Durchschnittsalter erstgebärender Mütter derzeit bei 30 Jahren. Im Gegensatz zu Frauen in Entwicklungsländern, von denen während der Schwangerschaft nur 35 Prozent und bei der Geburt nur 50 Prozent ärztlich betreut werden, erhalten in beiden Fällen 98 Prozent der Spanierinnen professionelle Unterstützung. Dies hat dazu geführt, dass die Sterblichkeitsrate der Gebärenden auf 2,9 Fälle bei 100.000 Geburten zurückgegangen ist. Bei 1.000 Neugeborenen pro Jahr wiederum sterben durchschnittlich 4,58. Wie jedoch im Internet unter www.elmundo.es nachzulesen ist, reichen diese positiven Zahlen vielen Frauen nicht, die eine von weniger Ärzten und Medikamenten beeinflusste Geburt fordern.

Die Betreuung während der Geburt hängt, so elmundo.es weiter, stark vom Wohnort der Frau ab. Laut einem Bericht des “Secretaría General de Sanidad y Consumo”, das dem Gesundheitsministerium unterstellt ist, ist die Anzahl Kaiserschnitte zwischen 2001 und 2011 um 9,5 Prozent gestiegen. Insgesamt beläuft sich die Quote für Kaiserschnitte in staatlichen Krankenhäuser 2011 auf 21,9 Prozent. Die Zahl schwankt allerdings je nach Region sehr stark: Im Baskenland beträgt sie 15,1 und in Valencia 30,1 Prozent.

Eine andere Studie wurde von Adela Recio Alcaide durchgeführt, Statistikern und frühere Vorsitzende des Verbandes “El Parto es Nuestro”. Diese besagt, dass es auch einen grossen Unterschied darin gibt, ob eine Geburt in einem staatlichen oder privaten Krankenhaus stattfindet. “Das private Gesundheitswesen zeichnet sich dadurch aus, dass deutlich mehr Geburten mit Hilfsmitteln durchgeführt werden. Der Grund dafür liegt darin, dass das “Geschäft” einem strengen Zeitplan unterliegt. Es ist seltsam, dass eine Frau eine private Klinik unversehrt verlässt”, wird Recio Alcaide bei elmundo.es zitiert.

Die Kaiserschnittsrate liegt in privaten Krankenhäusern bei über 30 Prozent, obwohl diese laut  Weltgesundheitsorganisation (WHO) etwa zehn betragen und niemals 15 Prozent überschreiten sollte. 15 Prozent aller Geburten in staatlichen Kliniken in Spanien werden mit Zange oder Saugglocke durchgeführt. Diese Zahl werde an privaten noch überschritten, obwohl laut Recio hier im allgemeinen weniger komplizierte Geburten durchgeführt würden.

“Dieser Eingriff wird aber nicht durch bessere Ergebnisse wie beispielsweise eine geringere perinatale oder Neugeborenensterblichkeit gerechtfertigt”, sagt Recio. Damit ist Ángel Aguarón, Chef der Geburtshilfe und Gynäkologie am Gregorio Marañón nicht einverstanden: Die Statistik sei irreführend, denn “es gibt Länder mit einer niedrigeren Sterblichkeitsquote. Das liegt aber daran, dass man dort jederzeit einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen kann und dies wird nicht in die Rate mit eingerechnet. In Spanien zählen alle Todesfälle ab der 37. Schwangerschaftswoche bis zu 20 Tage nach der Entbindung dazu”, erklärt der Arzt.

Wofür Recio in jedem Fall kämpfen will, ist, dass jede Frau ausreichend informiert wird und so selbst entscheidet, wie sie entbinden möchte. Selbstverständlich dürfe man nie irgendwelche Risiken eingehen, aber die neuen Technologien dürften auch nicht missbraucht und die gebärenden Mütter entmündigt werden.

Kommentare (1) :

Kommentar von Yvonne am 21.10.2015

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