WISSENSWERT: Gibraltar: 300 Jahre englisch

01.06.2013 - 0 

Es war der Vertrag von Utrecht vom 13. April1713 zwischen Spanien und dem Vereinigten Königreich, der dazu führte, dass Spanien Gibraltar und Menorca an England abtreten musste.
Wir alle erinnern uns an den für uns Kinder uninteressanten „Spanischen Erbfolgekrieg“, der letzten Endes zugunsten der Habsburger ausging und uns eben diese Abtretung einbrachte, die viel einschneidender war, als es der „Affenfelsen“ an der Meerenge zu Marokko zunächst vermuten liess.

Im Mittelalter hatten sich die Könige von Kastilien immer schon den Zusatztitel „Rex Gibraltarius“ zugelegt. Die Meerenge wurde wegen ihrer wichtigen strategischen Lage von jeher von den Engländern begehrt und infolgedessen angegriffen. Sogar der Korsar Barbarossa versuchte sich der Felsnase zu bemächtigen, scheiterte allerdings jedes Mal. Es folgten weniger aggressive Zeiten, sodass im Jahr 1704 nur noch 152 Soldaten zur Verteidigung vor Ort waren und viele der insgesamt 100 Kanonen durch allzu lange Lagerung nicht mehr schussbereit waren, als die englisch-holländische Allianz rückte mit über 4000 Mann, zahllosen Schiffen und schussbereiten Kanonen anrückte. In der Nacht vom 3. auf den 4. August kam es zur Katastrophe für Gibraltar: die Feinde verschossen rund 3.000 Kanonenkugeln, nicht zuletzt auf die Kirche, in die sich Teile der Zivilbevölkerung geflüchtet hatten. Das Rathaus von Gibraltar ermächtigte den Militärgouverneur zur Kapitulation. Eine Flagge, die Bereitschaft zu Verhandlungen zeigte, wurde aufgezogen und man ergab sich dem englischen Admiral Rooke, der, obwohl er die Interessen Habsburgs vertrat, das strategisch so wichtige Gebiet im Namen der englischen Queen Anne einnahm. Dabei benahmen sich die Engländer nicht gerade gentlemanlike: entgegen der Maxime, dass man Menschen verschont, die sich ergeben haben, begingen die englisch-holländischen Kräfte Kriegsverbrechen, indem sie Zivilpersonen ermordeten, Frauen und Mädchen schändeten, Kirchen entweihten und plündernd durch die Gegend zogen. Den Überlebenden blieben nur zwei Möglichkeiten: bleiben oder flüchten. Die meisten entschieden sich für die Flucht. Den 200 Zurückbleibenden wurde Straffreiheit zugesichert. Die Fluchtwilligen rafften Fahnen und Dokumente, wertvolle Kirchenschätze und Siegel zusammen und liessen sich unweit der verlassenen Einsiedelei San Roque nieder, wo sie hofften, eines Tages in ihr Stammland zurückkehren zu können.

Der Spanische Erbfolgekrieg sollte dem dekadenten Spanien den Todesstoss versetzen, das war nach Ansicht bedeutender Historiker das Fernziel der damaligen Grossmächte. Aber Spanien hätte es beinahe geschafft, Gibraltar zurückzuerobern. Letztlich scheiterte das daran, dass die verbündeten Franzosen verlangten, die Engländer müssten sich nicht dem spanischen Herzog von Villadarías ergeben, sondern einem französischen Marschall, der zu diesem Behufe eigens nach Gibraltar in Marsch gesetzt worden war. Die Verzögerung gab den Engländern die Möglichkeit, Verstärkung heranzuschaffen – und das Ende ist bekannt. Seit August 1704 konnten die Briten nicht mehr vertrieben werden.

Nach 300 Jahren britischer Besiedelung des „Affenfelsens“, den man nicht einmal als militärische Annexion bezeichnen kann, weil sie vertraglich vereinbart wurde, kann es heute nur noch darum gehen, eine diplomatisch-politische Lösung für diesen britischen Stachel im spanischen Fleisch zu suchen. Sollte eine solche jemals zustande kommen, woran alle politischen Beobachter zweifeln, so würde sofort die Diskussion um den spanischen Status der Städte Ceuta und Melilla im marokkanischen Hoheitsgebiet neu entfacht. Dann wäre das Argument nämlich hinfällig, dass die vor 500 Jahren vorgeschobene Militärbastionen in Marokko legale Eroberungen durch die Spanier gewesen seien, deren Status Rabat auch heute noch respektieren müsse. Jede Münze hat bekanntlich zwei Seiten….

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