Las Hurdes – Land ohne Brot

16.08.2019 - Laura Nadolski 

“Las Hurdes” sind eine Mittelgebirgslandschaft im Norden der Provinz Cáceres in Extremadura. Die Region wartet mit eleganten Gebirgszügen, beeindruckenden Wasserfällen und einer einzigartigen Flora und Fauna auf. Vor allem überrascht sie aber mit dem traditionellen Architekturstil ihrer Dörfer: Landhäuser aus Schieferplatten oder einfachen Steinen, gedeckt mit Stroh. Der Gemeindeverband setzt sich aus etwa 40 Weilern mit insgesamt 6.000 Einwohnern zusammen. Darunter befinden sich Dörfer wie Casar de Palomero, Nuñomoral oder La Aceitunilla, die meisten liegen in Höhen zwischen 450 und 700 Metern über dem Meeresspiegel. Oft werden hier noch traditionelle Handwerksberufe ausgeübt, sehr typisch sind Holzarbeiten und Töpferei.

 

Lange Zeit galt die Region als vergessen und “abandonado” (verlassen). Im Jahr 1914 reisten dann der französische Intellektuelle Maurice Legendre und der spanische Autor Miguel de Unamuno in die vom Staat vernachlässigte Region. Sie prangerten die dortigen Lebensbedingungen an: Die Region war bitterarm, die Einwohner lebten quasi wie im Mittelalter. Legendre veröffentlichte daraufhin im Jahr 1927 sein anthropologisches Buch Las Jurdes: étude de géographie humaine.

 

Bekannt wurde die Region aber erst durch den Besuch von König Alfonso XIII im Juni 1922. Der Urgroßvater des heutigen Königs Felipe VI wurde durch Legendre und Unamuno, sowie den Arzt und Politiker Ángel Pulido auf die Hurdes aufmerksam. Dort angekommen sah er das dort vorherrschende Elend: Die gesundheitliche Lage war prekär, der Analphabetismus weit verbreitet, extreme Armut und Hunger herrschten über die Bevölkerung.

 

Gregorio Marañón - Arzt und Historiker, der Alfonso XIII begleitete – arbeitete mithilfe zweier weiterer Ärzte einen sanitären Bericht aus, der erschütternd war: extrem häufige Jodmangel-Erkrankungen (Kröpfe, Schilddrüsenfehlfunktionen) sowie weitverbreitetes Tropenfieber. Die Lebenserwartung der Bewohner lag bei nur 35 – 40 Jahren und die Kindersterblichkeit war enorm hoch.

 

Die Dörfer der Hurdes betrieben Selbstversorgungswirtschaft, die aufgrund der steinigen und kargen Böden auf nur wenigen Produkten basierte. Als Grundnahrungsmittel bauten sie vor allem Gerste an, aus der sie Brei oder Suppe machten – Brot war ihnen unbekannt. Zudem wurden Olivenbäume sowie Gartengemüse und ab dem 17./ 18. Jahrhundert auch Kartoffeln kultiviert. Tierische Produkte beschränkten sich hauptsächlich auf Honig und Eier, sowie Fleisch und Milchprodukte von Ziegen und Schafen.

Aufgrund schlechter Transportwege und weiter Entfernungen konnten die Bewohner die Waren kaum auf Märkten verkaufen. Die einzigen Handelsprodukte von Bedeutung waren Holzkohle und Kork.

 

Doch die Bewohner der Hurdes waren nicht nur handelstechnisch von der Welt abgeschnitten. Auch ihre Wohn- und Lebensweise wurde hier über Jahrhunderte hinweg konserviert.

Viele ihrer ein- oder zweigeschossigen Häuser hatten keine Fenster, Tageslicht konnte somit nur durch die geöffnete Tür ins Innere dringen. Oft befanden sich die Hütten an den Hängen des Gebirges und waren allein mit etwas Erde abgedichtet. Der Tag begann mit Sonnenaufgang und endete mit Sonnenuntergang. Gekocht wurde am Küchenfeuer, der Rauch zog durch die Ritzen im Dach ab - Schornsteine gab es nicht. Die Bewohner schliefen auf einfachen Strohbetten, Wasser holten sie sich aus nahegelegenen Bächen, die im Sommer häufig verkümmerten oder zu unreinen Tümpeln zusammenschrumpften. Kirchen waren rar, Mönche gab es kaum und so wurden vorchristliche Sitten und die altertümliche Heilkunde bis ins frühe 20. Jahrhundert aufrechterhalten.

 

In die öffentliche Aufmerksamkeit rückte die Region dann im Jahr 1932 durch Luis Buñuels Film “Las Hurdes - Tierra sin Pan” (Land ohne Brot). Anstoß für den Dokumentarfilm hatte ihm Legendres 1927 erschienenes Buch gegeben. Der Film zeigt das ausgesprochen harte und mühevolle Leben der Bewohner der abgelegenen Bergregion, die so rückständig war, dass den Einwohnern nicht einmal das Brot bekannt war. Dabei sind manche Szenen bewusst übertrieben dargestellt. Der Film wurde zwar erst einige Jahre nach Alfonso XIIIs Besuch gedreht. Dennoch trug vor allem er bedeutend dazu bei, auf die Vergessenheit und die Lebensumstände, unter denen die Bewohner der Hurdes litten, aufmerksam zu machen.

 

Heute ist vor allem der saisonale Wander- und Angeltourismus im Sommer im Wirtschaftsleben der Gemeinden von Bedeutung. Denn die Hurdes bieten nicht nur Berge, sondern auch viel Wald und eine wasserreiche Landschaft mit geschützten Tierarten wie der Wildkatze und dem Schwarzstorch. Und ihre Bewohner sind weithin für ihre Gastfreundlichkeit und ihr großes Herz bekannt.

 

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