INTERVIEW: Die Sprache als Schlüssel für die Annäherung in Europa

02.06.2014 - Interview führte Philipp Dyckerhoff 

Neben Zitaten von Bernd Springer fasst der Autor in diesem Beitrag die wesentlichen Inhalte des Gespräches zusammen.

„Dann kam mir Pippi Langstrumpf zu Hilfe. Sie war so attraktiv, dass meine Tochter sich damit identifiziert hat, das hat mir sehr geholfen. Sie hat eine wesentliche Rolle dabei gespielt, dass meine Tochter einen Zugang zur deutschen Sprache  gefunden hat“.
Bernd Springers Kinder gehen nicht auf die Deutsche Schule, weil sie zu weit entfernt ist. Insofern ist es eine Herausforderung für ihn, seinen Kindern die deutsche Sprache zu vermitteln. Er hat in seinem Dorf eine Gruppe organisiert, in der einmal in der Woche Kinder und Eltern zusammen kommen, um spielerisch Deutsch zu lernen. Die meisten Familien haben einen deutschsprachigen Elternteil, es haben aber auch rein spanische Familien Interesse bekundet. „Es ist nicht nur meine Mama oder meine Papa, die so komisch sprechen“ verstehen die Kinder durch diese Gruppe. Die deutsche Sprache wird dadurch „normaler“ für die Kinder, sie akzeptieren sie. Die Kinder entwickeln ein Gefühl für die Sprache, für den Sinn und für die Melodie, eine wesentliche Grundlage, um die deutsche Sprache mit einem Elternteil richtig zu lernen.

Diese Aussagen zeigen, wie Bernd Springer Europa lebt und denkt! Er lebt seit 20 Jahren in Spanien, verheiratet mit einer Spanierin (und Katalanin, er betont, dass seine Frau Spanierin UND Katalanin ist). Er lebt ca. 40 Kilometer außerhalb Barcelonas in einem Dorf, also richtig unter Spaniern.

Bernd Springer hat Deutsch und Geschichte studiert und kam ursprünglich als DAAD-Lektor nach Barcelona. Damals bekam er gleich einen Praxis-Schock, als er eine Vorlesung über deutsche Literatur auf Spanisch halten sollte. Hauptschwierigkeit war es, gewisse Dinge auf Spanisch auszudrücken, für die es keine spanischen Wörter gibt. Die in Deutschland erlernte Wissenschaftssprache ließ sich auf Spanisch kaum reproduzieren. Durch solche Erfahrungen vor Ort wurde ihm auch klar, wie nachteilig es ist, dass die Professoren an deutschen Universitäten Sprachen und interkulturelle Kommunikation lehren, in den meisten Fällen selbst gar aber nicht im Ausland waren und nie in der Fremdsprache gelebt haben. Sie haben keinerlei Erfahrung bzw. Bewusstsein, was es bedeutet, tatsächlich in einer anderen Kultur und Sprache zu leben.

Es gibt viele Dinge, die man so nicht auf Spanisch sagt und nicht so ausdrücken kann wie man es auf Deutsch machen würde. Viele Denk-Konzepte sind ganz anders, das drückt sich in der Sprache aus und beginnt bei den einfachsten Sachen wie z.B. die Einteilung des Tages: für la madruga gibt es im Deutschen kein Wort, bei uns beginnt der Tag am Morgen. Der Vormittag lässt sich auch nicht direkt ins Spanische übersetzen. Auch bei Musikinstrumenten gibt es solche Unterschiede: im Spanischen ist die Orgel ein Windinstrument (so etwas gibt es im Deutschen gar nicht), im Deutschen ist sie ein Tasteninstrument. Auch bei den Farben sind solche Unterschiede zu finden: stierblutrot würden wir im Deutschen wohl kaum sagen. Die Wahrnehmung in den Kulturen ist unterschiedlich, das spiegelt sich in der Sprache wieder.

Bernd Springer hat in seiner täglichen Praxis als Dozent an der Universitat Autònoma de Barcelona (UAB) mit deutschen, österreichischen, katalanischen, schweizerischen und spanischen Studenten zu tun und damit ein gutes „Versuchslabor“ um diese Unterschiede der Sprachen zu testen. Seine empirischen Studien kommen immer wieder zu den gleichen Ergebnissen: die Sprache ist ein Spiegel für die sehr unterschiedlichen Wahrnehmungen der verschiedenen Kulturen. Um diese zu verstehen, ist es wichtig, die Sprachen zu studieren.

Die EU-Mitgliedsstaaten sind zwar wirtschaftlich und finanziell eng verflochten, kulturell und sprachlich aber so gut wie gar nicht. Die häufig einzig mögliche Kommunikation auf Englisch zwischen einem Spanier und einem Deutschen wird zumeist oberflächlich und funktional bleiben. Ein tieferes Verständnis für die Denkweise des Gegenübers ist so nicht zu erreichen.

Bernd Springer meint, dass jeder Europäer zwei Sprachen sprechen und eine weitere verstehen sollte. Als Basis für die Weiterentwicklung der EU müsste die sprachliche und damit die kulturelle Verständigung gefördert werden, sonst kann das Projekt EU auf Dauer nicht funktionieren. Die EU muss von den Menschen gelebt werden, das tut sie nicht, wenn es kein oder so wenig Verständnis füreinander gibt. Leider gibt es bei den Politikern wenig Interesse für dieses Thema, Erfolge in diesem Bereich lassen sich nicht in einer Legislaturperiode erzielen und sind daher eher uninteressant vor dem Hintergrund der Wiederwahl.
Wenn man andererseits die derzeitigen Herausforderungen der EU betrachtet, die vor allem in den Problemen des Euros liegen, mit dem sehr unterschiedlich funktionierende Volkswirtschaften aneinander gekettet werden, könnte man das Risiko sehen, dass die EU an diesem Problem scheitert. Zwischen Freunden soll man keine Geldgeschäfte machen, das riskiert die Freundschaft! Und dazu kommt, dass diese Freundschaft den Menschen teilweise aufgezwungen wird, aber eben nicht „aus ihren Herzen“ kommt.

Ein Europa der Banken und Bürokraten ist auf Dauer nicht überlebensfähig. Die Menschen müssen es wollen und leben. Dabei macht doch gerade die Vielfalt an Sprachen und Kulturen die EU so attraktiv.

Noch fehlt auch ein gemeinsames Geschichtsbild der EU-Länder. Hier könnte in den Schulen viel getan werden. Auch ein Schüleraustausch sollte institutionalisiert werden, das würde auch helfen, dass mehr Menschen Fremdsprachen lernen.

„Wir müssten eine Musikquote im Radio haben, damit mehr Musik aus anderen EU-Ländern gespielt würde. Ebenso sollte es gemeinsame Kinoproduktionen geben und europäische Buchmessen“.
Im nationalen Radio wird hauptsächlich nationale oder englischsprachige Musik gespielt. Die Vielfalt der europäischen Musik kommt im Radio überhaupt nicht zur Geltung, und der European Song Contest ist alles andere als ein Spiegel der realen Musikszenen in den europäischen Ländern. Bei Filmen gibt es zwar einige Co-Produktionen, aber das reicht nicht. Der Sender Arte ist ein gutes Beispiel, wie mit Filmen das Verständnis zweier Kulturen füreinander gefördert werden kann. Leider gibt es das nur für das Länderpaar Deutschland – Frankreich. Buchmessen sind nur national, das Einladen von ausländischen Gästen allein reicht nicht. Es müsste eine europäische Buchmesse ins Leben gerufen werden.

Gemeinsam organisieren, miteinander arbeiten und sich austauschen und sich im täglichen Leben kennen lernen fördern das Verständnis füreinander. Nur so lässt sich ein nachhaltiges Fundament für den langfristigen Erfolg der EU bauen. „Aber nach den letzten EU-Wahlen frage ich mich, ob es nicht schon viel zu spät dafür ist.“

Bernd Springer hat seine tiefgehenden Erfahrungen in seinem Buch „Das kommt mir Spanisch vor“ in sehr anschaulicher Weise dargestellt. Dabei ist er objektiv, spricht über seine konkreten Erfahrungen und Beobachtungen und wertet nicht. Aus Sicht des Autors dieses Artikels ein „Muss“ für jeden Deutschsprachigen, der in Spanien lebt oder sich für Spanien interessiert.

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