Wieder in Deutschland...

26.12.2009 - Stefanie Claudia Müller - scm communication 

Alle Jahre wieder.. Soviele Deutsche in Spanien bewegen sich Ende Dezember "nach Hause", nach Deutschland, besuchen die eigenen Eltern, die Geschwister, zeigen ihren eigenen Kindern, die meist in Spanien groß geworden sind, ein Teil der Kultur und Landschaft, in der sie selber aufgewachsen sind. Leider interessiert es die Kinder oft gar nicht so, wo man zur Uni gegangen ist oder wo in die Schule...aber es ist trotzdem für einen selber gut, mit der Vergangenheit auf gutem Fuß zu stehen.

WIr pflegen mit dem Besuch in Deutschland die guten alten Bräuche wie Singen unterm Tannenbaum, die Christmette, der Spaziergang durch den Schnee.. Aber auch, wenn man so leicht sagt: "Ich fahre über Weihnachten nach Hause." Eigentlich ist es nicht mehr wirklich das Zuhause, zumindest nicht das einzige. Denn nach Weihnachten in Deutschland geht es auch wieder "heim" nach Spanien, meist zu den Reyes.

Denn die eigenen Kinder wollen auf die Heiligen Drei Könige natürlich nicht verzichten. Man hat also nicht nur zwei Weihnachten, die man feiern kann, sondern auch das Glück zwei "Zuhause" zu besitzen - ein Riesenvorteil. Man kann sich die schönen Sachen aus beiden Ländern aussuchen. Ostern und Weihnachten in Deutschland, dafür die wunderbaren Sommernächte in Spanien. Nach Deutschland kann man fahren, wenn man Gemütlichkeit sucht, in Spanien bleiben, wenn man soziale Kontakte, Gewimmel und fröhliches Leben braucht und das Meer, den Strand, Sangría, Tapas und ausgehen.

In Deutschland schätze ich die selbstgebackenen Plätzchen, den echten Tannenbaum, die Kerzen und die Gemütlichkeit. Dabei muss man jedoch auch erfahren, dass es viele Dinge, die man im Ausland so lobt bezüglich der Heimat nicht mehr gibt. Bei uns zuhause steht jetzt ein Plastiktannenbaum ohne echte Kerzen, nur noch auf der Krippe liegt echtes Moos. Die Plätzchen sind auch gekauft und in der Kühltruhe türmen sich Pizza und Bofrost-Produkte.  Soviel Frisches kommt in Deutschland auch nicht mehr auf den Tisch.. 

Nach einer Woche grau in grau mit bunten Lichtern sehne ich mich dann jedoch wieder zurück nach wirklicher Wärme, den Sonnenstrahlen, dem blauen spanischen Himmel und nach meinen eigenen vier Wänden. Dabei bringe ich einen Teil der inzwischen angenommen spanischen Kultur unweigerlich immer wieder nach Deutschland, wenn ich dort bin und mache damit meine deutsche Familie jedes Jahr ein bißchen mehr spanisch.

Zum Beispiel die herzliche Begrüßung. Das Küsschen auf den Backen, die halbe Umarmung.. Die deutsche Familie verwundert das immer wieder, aber sie lassen sich mitziehen, wenn man sagt: In Spanien macht man das halt so. Die meisten meiner deutschen Bekannten, Freunde und Verwandten schrecken bei soviel Nähe nicht mehr zurück, die wenigsten fahren schnell die Hand aus, um die Küsse abzuwehren. Aber auch Tortilla und spanischer Wein gehören zu meiner deutschen Weihnacht inzwischen dazu.

Aber ich versuche auch, es ihnen auszutreiben, immer alles selber machen zu wollen. "Das mache ich selber", bedeutet für viele Deutsche, was für den Spanier bedeutet: "Ich habe eine chica." Beides hat seine Vor- und Nachteile. Nur manchmal denke ich wirklich, dass man gerade auch an Weihnachten mal die Beine hochlegen sollte und nicht wetteifern sollte um die tollste Ente und die besten Plätzchen.....ist doch ein Familien- und kein Küchenfest. Man hat den Eindruck, die Menschen schuften selbst an den Feiertagen wie verrückt, nur um das beste Festmahl auf dem Tisch stehen zu haben und vor der Verwandtschaft mit einem blitzblanken Haus zu glänzen.


Viele Dinge erscheinen einem in der deutschen Heimat nach vielen Jahren in Spanien auch komplett ganz plötzlich fremd. Man merkt, dass man sich von manchen Sachen längst distanziert hat, aber die Einsicht kommt erst langsam. Zum Beispiel kann ich nichts mehr mit der extremen Sorge der Deutschen um ihr Heim anfangen, mit dem ständigen Putzen und dem vorsichtigen Umgang mit dem Auto, mit dem aufwendig gehaltene Garten...

Aber eins, weiß ich immer wieder zu schätzen in Deutschland: Die Leute zeigen ihr Geld nicht so. Das führt dazu, dass man eigentlich auch wohlhabende Familien nicht offensichtlich protzen sieht. Klassenunterschiede gibt es, aber sie fallen weniger auf. Viele wohnen trotz gutem Gehalt auch mit 40 Jahren noch in der Mietwohnung, Hausangestellte sind in Deutschland, Gott sei Dank, selten. Auch mit Marken gehen die Deutschen wesentlich kritischer um. Die Leute drehen den Groschen dreimal rum, bevor sie für Kleidung ein "Vermögen" ausgeben.

Grundsätzlich wird sich in Deutschland weniger "verkleidet", alles ist bodenständiger, die Frauen sind weniger geschminkt und die Kleidung insgesamt dezenter, weniger farbenfroh und facettenreich. Das ist nicht gut oder schlecht, aber anders. Die Werte in Deutschland und Spanien sind anders und das ist gut so. Jeder kann für sich entscheiden, was er will und was er für gut oder schlecht halt, was er den Spaniern oder Deutschen aus der jeweiligen "Heimat" beibringen will.

Bestimmte Tugenden und Werte aus der "Ursprungs-Heimat", die man gelernt hat, gibt man nie wieder her, weil man sie für gut empfindet. Andere wirft man in der zweiten Heimat schnell über Bord, auch weil sie dort nichts wert sind und noch nicht einmal geschätzt werden, zum Beispiel diszipliniertes Fahren. Man gilt ja in Spanien nahezu als dumm, wenn man sich nicht frech durch den Verkehr schlängelt. Kinder aus einer bi-kulturellen Heimat haben es nicht leicht, da sie erst langsam, auch gegen die jeweiligen Interessen ihre Eltern, entscheiden müssen, was ihnen wo besser gefällt. Und nicht immer ist es einfach, in Deutschland ein Spanier zu sein oder in Spanien ein Deutscher.

Viele bi-kulturelle Familien brechen auseinander, weil die Eltern die Realität und den kulturellen Hintergrund des anderen nicht verstehen wollen. Aber die Vorteile einer solchen Erziehung und eines solchen Lebens überwiegen eindeutig. Denn solche Kinder haben gelernt, wenn die Eltern sie lassen, sich in zwei Kulturen einzuleben, zwei Sprachen zu sprechen, sich anzupassen und aus ihrer jeweiligen Situation das Beste zu machen. Sie können mit dem spanischen Krach genauso umgehen wie mit der übertriebenen deutschen Ordnung und Ruhe. Sie sind sehr gut vorbereitet für das globale Wirtschaftsleben.  Frohe Weihnachten! Feliz Navidad!

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