Wie ein Hund...

18.01.2010 - Ana Martin Esteban - Erasmusstudentin, übersetzt von Susanne Lehmann (susannelehmann@telefonica.net)  

Eisiger Wind, meterhoher Schnee, grauer Himmel ohne einen Sonnenstrahl, kühle und berechnende Menschen… Warum als Erasmus-Student in ein Land gehen, das mindestens sechs Wörter kennt, um den Regen zu benennen?

Nach meiner Ankunft im Oktober in diesem feindseligen Land trinke ich einen Landwein bei schönstem Sonnenschein und sommerlich gekleidet in den Auen des Schwarzwaldes, während die Bewohner sich fast überschlagen, damit ich nicht ein Detail ihrer Lieblingsplätze versäume. Es scheint so, als wenn Deutschland sich wenig um meine Vorurteile schert. Trotzdem bin ich immer noch ein Hund [...]
Meine ersten Tage hier ähnelten denen eines Hundes sehr. Ganz egal, was du sagst, ein Hund ist stets glücklich, wenn die Stimme freundlich klingt. Mit meinen vier deutschen Sätzen verstand ich von den Gesprächen nur, ob mein Gesprächspartner froh war oder nicht, ob das, was ich ihm erzählte, ihn ärgerte oder belustigte. Über was gesprochen wurde, war eine andere Sache.

Wie auch immer, ein Hund kann bis zu 250 Wörter erlernen. Am Anfang hörte das Hündchen nur ein sinnloses Wortwirrwarr, aber nach und nach wurden einige Bedeutungen verständlich. Klar, bei diesem Kauderwelsch gibt es noch viele, die zur klingonischen Sprache zählen (wie beispielsweise: Zwetschgenkuchen) und das Hündchen weiß beim Hören nicht, ob es mit dem Schwanz wedeln oder die Ohren anlegen soll. Was mich angeht, mache ich nun doch einen Freudensprung, da sich herausgestellt hat, dass der Zwetschgenkuchen ein leckerer Pflaumenkuchen ist, nach dem man süchtig werden kann. Einzig die Erkenntnis, dass die Schwelle dieses Tieres überschritten werden kann, hilft der Verzweiflung zu entgehen. Und mit viel Geduld bin ich dabei ...

Die Dinge, die ein Erasmus-Student zuerst erledigen muss, sind die, die er am Ende seines Aufenthalts viel besser machen würde. Denn genau dann, wenn du am wenigsten weißt, sollst du die meisten Dinge erledigen. Leider ist es sehr wahrscheinlich, dass die erste Bekanntschaft mit der deutschen Sprache nicht beim Biertrinken in der Kneipe, sondern bei der Wohnungssuche oder bei einem Telefongespräch mit einer Person erfolgt, wo du nicht sehr sicher bist, was sie dir antwortet. Wenn es auch etwas frustrierend ist, mit der Versuch-und-Irrtum-Methode lernt man viel. Der Trick besteht darin, nicht allzu viel zu jammern.

In der Universität müssen auch einige Formalitäten erledigt werden, was selbst im eigenen Land schrecklich langweilig ist. Hier kommt die Ungewissheit hinzu: Und wenn mir gerade dieser Schein fehlt, den sie mir nicht gestempelt haben? Und wenn die Frist abgelaufen ist und ich hab es nicht gewusst? Und zu guter Letzt: Wenn ich nun gerade das Wichtigste nicht verstanden habe und ins Fettnäpfchen trete?
Aber man sollte nicht dramatisieren. Wenn du die riesige Schlange erreichst, die sich vor dem Sekretariat bildet und siehst, wie verloren die anderen Erasmus-Kommilitonen in die Runde schauen, weißt du, dass du nicht allein bist. All die Vorsicht, um die Formalitäten richtig auszuführen, war in Wirklichkeit vor allem von Nutzen, um mit dem Sprechen zu beginnen, denn die Sekretariatsmitarbeiter/innen sind nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen und haben für fast alles eine Lösung parat.

Ein weiteres wichtiges Kapitel ist die Suche nach einer Unterkunft. Am schnellsten geht es selbstverständlich per Internet, aber auch da ist mehr als ein Anruf nötig. In Dresden, der Stadt meines Erasmus-Aufenthalts, ist es üblich, bei der Zimmersuche auf ein Casting mit zahlreichen Bewerbern zu treffen. Man hat ein wenig den Eindruck, in einem Bewerbungsgespräch für eine Arbeitsstelle zu sein, mit der üblichen Floskel: Wir rufen Sie an, wir melden uns. In dieser Situation das Pfötchen zu geben, hilft nicht so sehr, wie ein Hund erwarten könnte. Und auch nicht, sie dreimal in einer Minute zu geben. Aber selbst dann, mit guter Laune und einem Lächeln ist der Erfolg fast sicher. Man sollte jedoch rechtzeitig mit der Zimmersuche beginnen, denn die Zeit vom Angebot einer Wohnung bis zum Einzug ist oft sehr lang, und die Anzahl der Personen, die an dieser interessiert sein können, erhöht sich währenddessen. Es besteht auch die Möglichkeit der Unterkunft in einem Wohnheim. Hierfür ist aber ebenfalls genug Vorbereitungszeit für den Antrag erforderlich.

Diese Ratschläge ergeben sich aus meiner fehlenden Voraussicht. Letztendlich fand ich eine Wohnung, obwohl ich erst wenige Tage vor Beginn des Unterrichts ankam. Trotzdem empfehle ich niemanden diese Hektik, da mit ein wenig Organisation alles einfach zu lösen ist. Auch wenn du kein Hündchen bist, also Deutsch sprichst, wirst du ganz sicher den leckeren deutschen Würstchen nicht widerstehen können. Freundschaften schließen, Leute kennen lernen, Biersorten probieren, Feste feiern … Das alles braucht wenig Erläuterung und ist all das, was dich kurz nach deiner Ankunft erwartet. Kurzum, „kein Problem“ oder wie Freund Alf sagt „Null Problemo“. Und das Vergnügen kann beginnen.

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