Toleranz oder Ignoranz?

02.01.2011 - Stefanie Claudia Müller -scm communication.com 

Die Spanier werden von vielen Ausländern als „scheinheilig“ empfunden, weil sie allgemein gesehen nicht sagen, was sie denken und nicht immer so neugierig nachfragen, auch wenn es sie in den Fingern juckt. Im Wirtschaftsleben mag es tatsächlich einfacher sein, wenn man weiss, was der andere wirklich denkt, will man nicht über den Tisch gezogen werden. Da kann die spanische Diplomatie und Oberflächlichkeit durchaus lästig wirken.

Im Privatleben ist diese Diskretion jedoch teilweise sehr angenehm. Warum zum Beispiel muss man die Nichte, die ungewollt schwanger geworden ist, auch noch immer fragen, wie das passieren konnte. Oder wenn ein Mann mit einer neuen Frau kommt, muss man nicht sofort fragen: „Ist das deine neue Freundin?“
 
Mir ist diese Zurückhaltung aber auch schon öfters aufgefallen im Umgang mit Stars auf der Straße. Die Spanier sprinten normalerweise nicht auf die Leute zu und belagern sie. Auf einem Spielplatz im Conde Orgaz habe ich einmal Luis Figo mit seiner Frau und seinen Kindern gesehen und beobachtet, dass niemand, noch nicht einmal die Kinder, auf ihn los rannten. Die Spanier respektierten einfach diese privaten Momente des Fußballers.

Natürlich hat dieses Verhalten auch im Privatleben negative Seiten, weil Menschen oberflächlich und ignorant wirken können, wenn sie nicht nachfragen und die Gespräche immer so dahin plänkeln. Mich stört zum Beispiel manchmal, dass mich nur wenige Spanier etwas über Deutschland fragen, über die Wiedervereinigung, Sitten oder Bräuche in meiner Heimat. Aber ich denke, dass es nicht unbedingt als Desinteresse zu interpretieren ist. Eher habe ich den Eindruck, dass hier das kritische Nachfragen bezüglich privater Meinungen oder Situationen einfach nicht gut angesehen ist. Zudem scheint ein ausgeprägtes Taktgefühl vorhanden zu sein, was vielleicht uns Deutschen manchmal fehlt.

Ich selber wurde schon mehrmals von Spaniern belächelt und auch kritisiert, weil ich immer wieder sehr direkt bei allem nachhake. In meinem Fall frage ich aus wirklichem Interesse, schon aus beruflichen Gründen bin ich aufs Fragen trainiert. Aber auch ich habe gelernt, dass man bestimmte Fragen in Spanien in privaten Kreisen einfach nicht stellt. Wenn offensichtlich ist, dass der Onkel ordentlich zugenommen hat, dann muss man nicht auch noch fragen: „Warum bist du so dick geworden?“ 

Interessant ist auch, dass in Nachrufen fast nie die Todesursache angegeben wird, auch aus Respekt vor dem Privatleben der Person. Obwohl mich ja immer sehr interessiert, woran jemand gestorben ist... aber auch hier fragt man normalerweise nicht im Detail nach. Nach dem Motto: Der Tod ist schon schlimm genug, da muss man nicht auch noch wissen, warum und wie jemand gestorben ist.

Es ensteht der Eindruck einer toleranten Gesellschaft, in vielen Aspekten. Spanien ist in den vergangenen 25 Jahren zu einem Auffangbecken für ausländische Rentner und Arbeitnehmer geworden, die wie eine Serie auf unserem Portal zeigt, in diesem Land willkommen sind. Ein weiterer Grund, warum sie sich hier so wohl fühlen, hat auch damit zu tun, dass sie in Ruhe gelassen werden, dass man sich nicht ständig über die unterschiedlichen Bräuche und Sitten der anderen Gedanken macht, sondern jeder Kulturkreis sein Leben leben kann. Vielleicht hat das auch was mit Ignoranz zu tun, aber in jedem Fall gibt es nicht die Gewaltauswüchse gegen Schwächere in der Gesellschaft wie zum Beispiel in Deutschland.

Es entsteht der Eindruck von einer allgemein harmonischen Gesellschaft, läßt man die politischen Debatten mal außen vor. Denn auch über komisch gekleidete Leute oder schlicht Verrückte auf der Straße regt man sich in Spanien eigentlich nicht öffentlich auf. Die Leute sind, zumindest im öffentlichen Leben, grundsätzlich weniger aggressiv, machen ihr eigenes Ding. 

Ich habe vielleicht auch deswegen bisher in Spanien wenige Schlägereien oder Handgreiflichkeiten auf offener Straße gesehen. Das macht das Leben scheinbar einfacher hier und erklärt auch diese direkte Herzlichkeit, die Ausländer oft in Spanien empfinden. Es ist nicht unbedingt Höflichkeit, aber eine fröhliche Gelassenheit, ein überwiegend angenehmes Gefühl, in Ruhe gelassen zu werden.

Natürlich wird hier hinter dem Rücken der Leute geredet, wie überall...Seine Informationen holt man sich in Spanien von Dritten, also durch Klatschen, wohl ein menschliches Bedürfnis. Aber wenn man es als Betroffener nicht offensichtlich mitkriegt..qué más da.. Also ich glaube, dass Spanien grundsätzlich über eine sehr tolerante und diskrete Gesellschaft verfügt - abgesehen von den Klatsch-Medien, die wie überall alles und jeden über den Tisch ziehen und damit eine Menge Geld verdienen.  

Kommentare (4) :

Kommentar von Isabell Rehm 07.01.2011

Kommentar von stefanie 08.01.2011

Kommentar von Frank 10.05.2011

Kommentar von Eli 17.03.2012

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