Spanien Vorbild für ein tolerantes Land?

04.09.2009 - Stefanie Claudia Müller - scm communication 

Daniel kommt aus Kolumbien. Er ist kein klassischer Immigrant. Seine Eltern sind wohlhabend, er hat in Australien studiert, ist jetzt in Madrid, will Musikproduzent werden und lässt sich hier dafür ausbilden. Er spricht dieselbe Sprache wie die Spanier, aber für die ist er etwas ganz anderes - der Drogendealer, der Kriminelle, der Kolumbianer eben. Das Bild der Entführungen, Drogenkartelle und Kriminalität lässt sich aus den Köpfen der meisten Spanier nicht so leicht entfernen.

Auch wenn Daniel erzählt, dass sein Vater selber zur Anti-Drogen-Polizei gehört. Trotzdem findet der 29-Jährige das Land faszinierend, auch weil er hier Europa schnuppert, einen Kontinent mit vielen hochentwickelten Kulturen, Frankreich völlig anders als Deutschland und Spanien am Rande, das eigentliche Mutterland Lateinamerikas: "Und dann gibt es so Mega-Städte wie London und Berlin, die so pulsierend sind und Trends setzen, das ist faszinierend und hat natürlich mit dem Schmelztiegel vieler Kulturen zu tun", sagt er. Er selbst lebt Europa. Der Musiker wohnt in Madrid, aber pendelt immer wieder nach Berlin. Dennoch spürt er trotz aller Faszination überall Rassismus, egal ob er nach Berlin, Paris oder Kopenhagen fährt. Seine Haare sind dunkel, er sieht aus wie ein kolumbianischer Ureinwohner, exotisch, die Leute starren ihn an, so als gehöre er nicht zu dem Europa der Kulturen.

Auch der 28-jährige Mohamed Dag Dag weiß, dass es nicht einfach ist, wenn man den falschen Nachnamen hat, in Frankreich und dass viele einen auffordern diesen zu ändern, wenn man Karriere machen will: "Nur, wenn man über viel Geld und eine sehr gute Bildung verfügt, können die Franzosen über die arabische Herkunft hinweg sehen. Da hilft auch der französische Pass nichts." Seine Familie kommt aus Marokko, ihm hilft in Paris nur die gute Ausbildung, die er genossen hat und das Netz von Kontakten, das er sich aufgebaut hat.

Aber es gibt auch immer wieder Überraschungen in Sachen Integration und dazu gehört auch Spanien trotz der Vorurteile im Kopf vieler Iberer. Es gibt subtilen Rassismus, aber wenig offene Gewalt gegen Ausländer. Scheinbar leben Juden, Christen und Moslems in Frieden in Spanien, wie vor 1 200 Jahren. Es gibt wenige direkte fremdenfeindliche Auseinandersetzungen in dem Land, das in den vergangenen 10 Jahren vier Millionen Ausländer aufgenommen hat. Rassismus ist auch kein Dauerbrenner in den Medien wie in Frankreich und Deutschland.

Hier steht direkt an der Autobahn, im Norden der Hauptstadt Madrid, eine der größten Moscheen Europas. Selbst als am 11. März 2004 in Pendlerzügen Bomben aus der Hand von arabischen Extremisten fast 200 Menschen das Leben kosteten, gab es keine brennenden Gebetsstätten oder mehr Rassismus als sonst. Wie die Spanier das machen?

Vielleicht gehen sie einfacher um mit Fremdenfeindlichkeit. Sie verstecken ihren Argwohn nicht, machen Witze über die Moros und Latinos, über den kolumbianischen Drogendealer und finden es okay, wenn Ausländer weniger verdienen als sie. Das alles wird offen ausgesprochen. Ausländer fühlen sich meist relativ wohl in Spanien, weil man sie in Ruhe lässt. Die Spanier interessieren sich in der Regel nicht für sie, aber das hat auch den Vorteil, dass sie sich nicht einmischen in ihr Leben.

Spanien gefällt den Ausländern, egal, wo sie herkommen, egal aus welcher sozialen Klasse sie stammen. Jeder klagt zwar über die Oberflächlichkeit seiner Einwohner, aber sie zwingt nicht zum Gehen. Die Ignoranz ist unangehm, aber nicht störend. Von den legal und illegal in Spanien lebenden Lateinamerikanern geht kaum noch jemand zurück, auch den Osteuropäern fällt der Schritt zurück in die Heimat schwer, wie zum Beispiel Claudia aus Rumänien. Die 39-Jährige putzt, ihre Tochter hat keine Aufenthaltsgenehmigung - auch nach vier Jahren in Spanien noch nicht, eine schwierige Situation. Der Mann hat einen ganz guten Job bei der Müllentsorgung der Stadt, aber er sehnt sich nach seiner Familie in Rumänien, fühlt sich nicht akzeptiert in Spanien. "Aber in Rumänien halten alle nur die Hände auf. Hier geht es uns wenigstens einigermaßen gut. Wir werden zwar ausgebeutet bei der Miete und den Löhnen, aber in der Heimat noch mehr", glaubt Claudia. Sie spricht inzwischen sehr gut Spanisch.

Den Bulgaren geht es ähnlich, sie sind auch nach Jahren noch Fremde in Spanien, aber auch sie wollen meist nicht mehr zurück. "Zuhause ist alles noch grauer und trauriger, hier gibt es Sonne und Lebensfreude", das hört man immer wieder. Das ist wohl auch ein Grund, warum hier rund 800 000 Deutsche das ganze Jahr oder zeitweise leben. Sie werden in Ruhe gelassen und können sogar ihren Sitten und Bräuchen nachgehen. Welches anderes Land hätte es erlaubt, dass an der Küste deutsche und britische Restaurants entstehen und die Kellner sprachlich komplett auf ihre Klientel eingehen? "In Frankreich ist das undenkbar", sagt Dag Dag. Hier müssen sich Ausländer ganz klar an die Spielregeln anpassen und das bedeutet auch an die heimische Kultur.

Die gebildeteren Deutschen verstecken meist ihre Vorurteile, weil sie politisch korrekt sein wollen, sie machen in der Regel keine Witze und versuchen, sich als freundliches Einwanderungsland darzustellen. Paradoxerweise hat es in Deutschland noch nie so viele rechtsextreme, fremdenfeindliche und antisemitisch motivierte Straftaten gegeben wie 2008. Rechtsextremismus ist in Deutschland immer ein Thema, in Spanien ist es das verwunderlicherweise auch bei 19 Prozent Arbeitslosen noch nicht.

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