Schönes Spanien

26.09.2009 - Stefanie Claudia Müller - scm communication 

Es hat lange gedauert, bis ich es wirklich verstanden habe, dass das ständige  “guapa”, “preciosa” y “joven” weniger mit der berühmten spanischen Herzlichkeit zu tun hat, sondern mit einer schon an Wahn grenzenden Wertschätzung des Äußeren, der Hülle von Dingen, dem "Look" und "Style" von Menschen, Kindern. Die Kleinen  gehen mit Kommunionsmonitur auf den Spielplatz und die spanischen Frauen sind meist auch nach fünf Geburten noch gertenschlank. Ganz zu schweigen von den älteren Damen, die meist nur duftend und gestriegelt auf die Straße gehen. Friseure verdienen sich hier eine goldene Nase. Der Schein zählt, in den eigenen vier Wänden sieht die Welt dann schon anders aus als draußen.

In den zwischenmenschlichen Beziehungen hat dieser Wahn um Schönheit und Jugend manchmal den negativen Effekt, dass die Gespräche sehr "light" bleiben. Es wird nur an der Oberfläche gekratzt, was da drunter ist, wollen viele gar nicht wissen. Man ist halt “guapo/a”, das reicht. Ich frag mich wirklich oft, was die Jugendlichen so bereden, die jedes Wochenende in unserer kleinen Siedlung Botellón machen. Mir ist schon klar, dass man auch anderswo vielleicht in dem Alter nicht über die Gefahr eines Atomkrieges mit dem Iran spricht, schon gar nicht an einem Freitagabend, aber das unheimliche Kokettieren der Spanierinnen mit ihren Reizen, ihre wirklich leichte Bekleidung (na, klar es ist heiß im Sommer, aber..) und die ihnen zu Füßen liegenden Jungens lassen vermuten, dass die Konversation auch an anderen Wochentagen nicht tiefgehender sein dürfte als: "Cómo vas tía, qué guapa estás, donde has comprado esa falda?"

Das ist natürlich etwas übertrieben und natürlich gibt es weltweit einen Trend zur Oberflächlichkeit und Schönheitswahn. Aber ich habe in Deutsch nach Übersetzungen bestimmter spanischer Redewendungen gesucht, die hier immer wieder verwendet werden wie "Guapa", "Bonita" oder "Bombon". In meiner Muttersprache gibt es dafür kein Pendant, wir nennen unser Gegenüber normalerweise nicht “Hey, Du Hübsche oder Hübscher”, "Du Praline" oder “Du Wunderschöne”. Kinder sind bei uns süß, aber wir würden sie eigentlich nicht anreden mit “Que guapa/guapo estás”. Na klar sagen wir, wenn wir über Männer/Frauen reden auch: “Der/die sieht geil aus” oder ähnliches, aber wir würden die Leute im Supermarkt oder Wursttheke nicht direkt auf ihr Äußeres ansprechen. Hier werden ja auch wildfremde Kinder mit "precioso", "bonito" und "guapo" betitelt und ständig mit Komplimenten bezüglich ihres Aussehens überschüttet.

Auf der einen Seite ist es natürlich wirklich schön, wenn alles irgendwie schön ist, auch wenn es nicht wirklich so ist, da ja auch feos/feas als guapos/guapas betitelt werden. Aber hinter dieser Sucht nach "belleza" steckt, wie ich finde, eine traurige Wahrheit, die durch Zahlen belegt wird: Viele Spanier haben sich im Schönheitswahn verloren, wollen sich mit möglichst vielen schönen Dingen umgeben, machen die Kinder schön und operieren an sich, was nicht so schön ist, alles, was nicht der Norm entspricht. Denn zumindest in Madrid ist Schönheit klar definiert, Frauen sollten lange Haare haben und sehr schlank sein und Männer, na, da habe ich wohl keine Ahnung.. , aber sie sehen irgendwie auch alle gleich aus, mit ihrem zurückgegeltem Haar, ihrer relativ formalen Kleidung.

Ist es nicht kennzeichnend für eine solche “schöne” Gesellschaft, dass sich Prinzessin Letizia die Nase operieren läßt und das dann auch noch von der Klatsch-Presse als positiv dargestellt wird? Die Sucht nach Perfektion hat nicht nur viele Spanier in die Schulden getrieben, weil sie sich das schöne Auto, das schöne Haus und die schönen Kleider kaufen mußten, sondern auch unters Messer, wo durch viele, wie man immer wieder auf der Straße sehen kann, nicht unbedingt schöner geworden sind.. El Mundo berichtete schon im Jahr 2005, dass plastische Chirugen in Spanien jährlich 350 000 Verschönerungseingriffe vornehmen, Spanien sei damit Spitzenreiter in Europa: http://www.stern.de/lifestyle/mode/spanien-verrueckt-nach-skalpell-551330.html. Schon junge Mädchen wünschten sich nichts sehnlicher als volle Lippen und Brüste. Hungern für die Zierlichkeit ist für viele normal. Spanien ist nicht umsonst auch eines der Länder, wo am meisten Mädchen magersüchtig sind. So verbirgt sich hinter der schönen Fassaden vieler spanischer Frauen und Mädchen ein regelrechtes Drama, das Alter wird in einer vom Schönheitswahn gequälten Gesellschaft noch mehr  zum Geißel als anderswo.

Mir hat ein spanischer Vater erzählt, dass er seinen Sohn ganz bewußt ins Ausland zum Studium geschickt hat, um genau diesem Jahrmarkt der Eitelkeiten zu entrinnen, der viele spanische Unis zu einem Ort des Flirtens gemacht hat, aber nicht zu einem Ort, wo Heranwachsende lernen sollen zu forschen. Die Professoren mischen tüchtig mit. Geforscht wird dort meist nur am lebenden Objekt, in der "perfekten" Welt am Freitagabend, wenn der große botellón startet und man sich auf den grünen Wiesen körperlich näher kommt. 

Vielleicht ist die Wirtschaftskrise in dieser Hinsicht eine Chance, vielleicht rüttelt sie so einige wach, die sich zu sehr auf die Hülle statt die Fülle konzentriert haben.

Kommentare (6) :

Kommentar von TB 30.09.2009

Kommentar von Henri 30.09.2009

Kommentar von Nicole 30.09.2009

Kommentar von Nicole 30.09.2009

Kommentar von Gabi 30.09.2009

Kommentar von Esteban 01.10.2009

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