Madrid machts möglich

22.07.2010 - Sophie Hellriegel - Praktikantin  

Ich bin im April nach Madrid gekommen, weil ich mein gewohntes Umfeld ein paar Monate hinter mir lassen wollte. Das heißt, die Sprache, Freunde, Familie, Strukturen, Studium und Nebenjob. Ich wollte den Leipziger Alltag gegen etwas mir Unbekanntes austauschen.

Und hat es funktioniert? Etwas altklug kann ich feststellen: ich habe Klamotte gegen Klamotte getauscht. Den Alltag gibts auch hier, nur anders.

Es beginnt beim Erlernen einer neuen Sprache. Wie ich feststellen musste, hat das Unicert 1 wenig zu sagen. Verstehendes Hören – nada, Sprechen – schwierig, Vokabeln – unzureichend, Grammatik – ein Hauch von einer Ahnung. Zögerlich und unsicher, wie ein Kleinkind, das sich tastend nach vorne wagt ohne dabei von Mutti geführt zu werden, versank ich im Strudel des spanischen Sprach-Wirrwarrs. Nach und nach kommt das Sprachgefühl. Spanische Tandempartner legen ermutigend ihre Hand auf meine Schulter und sagen: „Poco a poco!“

Ja, die Tandempartner – auch eine komplizierte Sache! Eine Anzeige auf unserem Portal mit dem Titel „Dringend Tandem gesucht!“ war durchaus von Erfolg gekrönt. Sieben Leute hatten sich innerhalb von wenigen Tagen gemeldet. Davon waren fünf sympathische Kontakte dabei, aber wie sich heraus kristallisierte, trat der ärgste Feind des Intercambio-Prinzips in den Vordergrund – Zeitmangel bei allen! Spanier arbeiten viel, ich habe Freizeitstress. Zusätzlich traf ich mich anderthalb Monate lang jeden Freitagabend mit einer kleinen Gruppe deutscher Studenten zum Spanischkurs – nichts Offizielles. Das Ganze fand mit und en la Casa de Don Juan statt. Nach zwei Stunden dröger Grammatikpaukerei, kümmerte sich unser Spanischlehrer rührend um uns, stellte sich an die Herdplatte und kochte! Seine Offenherzigkeit erstaunte uns und war bisweilen sogar verwunderlich. Aber weshalb so skeptisch?

Nicht erstaunlich hingegen: Madrids Mietpreise. Man hatte mich vorgewarnt! Das Ausgehen gehört auch zu den teuren Vergnügen – es geht von Bar zu Bar, man tanzt von einem Club in den nächsten, zwischendurch hüpft man vielleicht sogar ins Taxi, um schnell von A nach B zu kommen. Miete, Vergnügen, Sport und alle anderen grundsätzlichen Dinge des Lebens, sind Kosten, die mein Konto decken muss. Und damit kein Minus entsteht, brauchte ich einen Nebenjob!
Viele Familien suchen externe AuPairs oder deutschsprachige Kindermädchen für ihre Kleinen zum Spielen und Deutschsprechen. Meine Kriterien für solch einen Job: keine großen Fahr- und Umwege, eine angemessene Bezahlung, Sympathie und wenn möglich, Flexibilität. Ein Gespräch folgte dem nächsten. Ich erhielt Angebote am äußersten Rand der Stadt – noch hinter dem Flughafen. Es empfingen mich unglaublich niedliche Kinder und sympathische Eltern, aber leider war die Bezahlung einfach nicht angemessen. Absage! Ein anderes Angebot klang vielversprechend – zwei Kinder, vier Tage in der Woche für jeweils zwei Stunden Betreuung, das Doppelte an Bezahlung des vorherigen Angebots. Die Schlange der Bewerberinnen war jedoch lang. Absage! Eine andere Familie unmittelbar in meiner Wohngegend suchte ein externes AuPair – allerdings für einen längeren Zeitraum. Absage! Puh oder „Uff!“ (ein üblicher Laut der Spanier) – nach dreiwöchiger Suche, wurde ich endlich fündig.
Mittlerweile treffe ich mich – mehr oder weniger regelmäßig – mit einer jungen Mutter und deren Tochter. Meine Flexibilität ist gewahrt, die Wohnung liegt auf dem Weg, beide sind sympathisch und die Bezahlung in Ordnung.
Ein anderes Projekt – leider bisher gescheitert, obwohl es mir sehr viel Freude bereitet hat – bezahlter Deutschunterricht für Spanier. Ich traf einen äußerst ambitionierten und sprachbegeisterten Spanier, der sogar sein Arbeitsbuch des Goethe-Instituts mitbrachte – perfecto! Ich verlangte zehn Euro pro Stunde. Leider kam es nur zu e i n e m Treffen. Vermutlich hat die englische Sprache dem Deutschen den Rang abgelaufen und die Motivation hat schnell zur Überforderung geführt.

Yoga, Laufen, Tandemverabredungen, Tango-Unterricht und Milongas gehören genauso zu meinem spanischen Alltag wie der Kassenstau und die gemächlichen Bewegungen der Kassiererinnen bei Carrefour. Auf dem Weg zur Arbeit begegne ich den seltsamsten Gestalten. Knotenpunkt dieser Begegnungen ist vor allem die Metro.

Da wäre zum Beispiel die russische Sängerin, deren Verstärker unangenehm fiept und die schließlich a capella singen muss, weil das Ding seinen Geist aufgibt. Die Arbeitslosen, die sich bemühen in einem rasanten Sprachtempo ihr Leben vorzustellen, um danach ihre Hand aufzuhalten. Die chicos, die dir direkt ins Gesicht schauen und nicht an sich halten können „Joder!“ oder ein gezischtes „Guapa“ auszuspucken – mehr Einfallsreichtum ist gefragt, meine Herren! Die Familien, die ihre Zelte unter der Brücke aufgeschlagen haben. Ein Feuerchen flackert in ihrer Mitte.

Die Wirtschaftskrise ist präsent und war besonders präsent als ich ankam. Viele junge Menschen, die ich treffe, sind unzufrieden mit ihrem Job wegen chronischer Unterbezahlung, zu langer Arbeitszeiten und fehlender Bezahlung von Überstunden. Für viele stellt der deutsche Arbeitsmarkt und somit das Erlernen der deutschen Sprache tatsächlich eine Möglichkeit dar, Spaniens Wirtschaft den Rücken zu kehren. Umso wichtiger habe ich das Gefühl, ist der Sieg der Spanier bei der WM, der noch nachhaltig in den Augen vieler flackert.

Madrid ist keine Stadt, in der ich unbedingt lange leben würde. Ich genieße das kulturelle Angebot, die anderen Laute, Gerüche und die menschlichen Begegnungen und durchaus liegt mir Lebendigkeit am Herzen – nur in kleineren Dimensionen.
Madrid kann unglaublich heiß sein (und wir haben noch nicht einmal August!), trocken, laut und stressig (natürlich kommt es darauf an, ob man sich davon anstecken lässt). Die landschaftliche Umgebung bietet einen Zufluchtspunkt und wunderschöne Ecken (Salamanca, Segovia, Toledo!) – aber leider kaum Abkühlung.

Madrid macht vieles möglich und ist für mich eine unglaubliche Bereicherung, außerdem ein wichtiges Sprungbrett in andere gesellschaftliche und kulturelle Verhältnisse und Strukturen.

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