Krümelgesellschaft und Serviettenparadies

10.09.2012 - Von Dorothee Schmidt 

Es heißt, eine wirklich gute und typische spanische Cerveceria erkennt man daran, dass der Fußboden so wenig von sich Preis gibt wie möglich. Wenn man also anstatt dessen Servietten, Zigaretten, Essensreste und andere müllähnliche Dinge vorfindet ist man genau richtig. Der durstige Spanier sucht sozusagend seine Bar nach dem Grad der Verschmutzung aus. Währenddessen in Deutschland genau jene beschriebene Bar wohl eher weniger bis keine Gäste haben würde.


Mir ist dieser Brauch derweil recht bekannt und nach monatelangem Training ist es mir gelungen, selbst zur Verschmutzung beizutragen. Das schwierige für mich war jedoch nicht, dass Betreten der Bar, sondern vielmehr Teil der Verschmutzung zu werden. Anfangs noch recht zögerlich, suchte ich immer nach einem Aschenbecher, um meinen Müll feinsäuberlich zu entsorgen. Da man sich jedoch so gut wie möglich der Kultur und dessen Sitten anpassen möchte, konnte ich Stück für Stück meine deutsche Erziehung unterdrücken und somit Teil der typisch spanischen Bargesellschaft werden. Auch wenn ich mich nun als offiziellen Barverschmutzer bezeichnen kann und zur deutsch-spanischen Barintegration beitrage, fehlt mir noch der eingestandene Stolz des Aktes. Rein optisch kann man mich von anderen spanischen Barverschmutzern nicht mehr unterscheiden. Innerlich jedoch muss ich immer erst über eine kleine Hürde springen, indem ich mir zuerst den Fußboden anschaue, um mich zu versichern, dass auch wirklich schon Müll da liegt wo er nach spanischer Sitte hingehört. Glücklicherweise findet dieser Prozess für Spanier unbemerkt statt und entlarvt mich nicht als sauberkeitsfanatische Deutsche.


Ein weiterer Schwerpunkt der Spanier liegt in Ihrem Serviettenkonsum. Natürlich muss man den Spaniern eingestehen, dass Sie aufgrund der Tapas schnell mal die Ölspuren an ihren Fingern beseitigen wollen, geht mir genauso. Außerdem möchte man ja auch zum Wohlfühlfaktor in der Bar beitragen… also ab auf den Boden damit! Jedoch konnte ich in meinem spanischem Umfeld auch außerhalb des Barbetriebs einen übermäßigen Serviettenkonsum feststellen: beim Mittag- sowie Abendessen muss immer eine Serviette neben dem Teller liegen, sonst kann es gar nicht erst losgehen. Bei mir zu Hause in Deutschland werden Servietten immer nur zu besonderen Anlässen ausgepackt. Da gibt es die Weihnachts-, Oster-, Silvester-, Geburtstags- oder „Wir-haben-Besuch“-Servietten, aber nicht die alltäglichen Essensservietten wie in Spanien. Meine spanischen Freunde haben mich auch schon als sonderliches Wesen ausgemacht, da ich ohne Serviette essen kann. Theorie meiner Freunde ist, wir Deutschen kleckern einfach viel weniger. Was ich insofern ausschließen würde, da ich selbst nicht mehr oder weniger kleckere als meine spanischen Freunde. Meine Theorie ist, dass der Spanier im Gegensatz zu uns Deutschen einfach jedes Mahl zelebriert und die von mir fälschlich bezeichnete „alltägliche Essensserviette“ ist eigentlich eine dieser besonderen Anlass-Servietten, ohne das sie so aussehen. Indize hierfür wären zum einen die festverankerten 3-Gänge-Mittagmenüs und zum anderen die regelmäßiger stattfindenden familiären Zusammenkünfte zum Essen – insofern die Familie in der Nähe wohnt.

Kommentare (3) :

Kommentar von Michel Chemaly 16.09.2012

Kommentar von Christiane 18.09.2012

Kommentar von Ralfspain 20.10.2012

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