Ein Jahr danach

13.07.2011 - Janette Wieland 

Ich kann mich noch sehr gut erinnern: Heute vor genau einem Jahr bin ich in Madrid gelandet. Ich habe ein paar Brocken Spanisch gesprochen und hatte keinen blassen Dunst, was mich hier erwartet. Nach und nach kam ich in Berührung mit den Madrilenen – im Gespräch, im Supermarkt oder auch auf der Straße. Das Abenteuer nahm seinen Lauf. An die Sprache – lebendig, schnell und temperamentvoll – gewöhnte ich mich schnell, besonders an die Geschwindigkeit, mit der die Madrilenen sprechen. Auch die örtlichen Gepflogenheiten hatte ich schnell verinnerlicht. Eigentlich waren es ja auch nur ein paar Regeln, an die man sich halten sollte: Mittags wird Siesta gemacht, der Spanier möchte – besonders am Wochenende – zwischen 14:30 Uhr und 17:30 Uhr nicht gestört werden. Zwei Küsse auf die Wangen, erst links, dann rechts, gehörten genauso zum Begrüßungsritual wie das Treffen vor der Haustür. Nach drinnen bitten die Spanier eher selten, denn die Privatsphäre ist ihnen heilig. Wenn es Probleme gibt, dann diskutieren die Spanier nicht, sondern handeln. Als mein Hund vor ein paar Monaten verschwand machten sich gleich alle in der Nachbarschaft auf die Suche: Zu Fuß, mit dem Auto oder mit dem Fahrrad. Diese spontane Suchaktion und das perfekt organisierte Handeln haben mich damals sehr beeindruckt! Noch mehr aber die kollektive Freude, als mein Hund gefunden wurde. Noch Tage später bekam ich Anrufe von Nachbarn und Freunden, sowie von Freunden der Nachbarn, die mir sagten, wie sehr sie nun erleichtert waren.
Diese offenkundige Herzlichkeit – selbst als ich der Sprache noch nicht ganz mächtig war – werde ich sicher vermissen. Auch wenn es Dinge gab, die mir bis heute suspekt sind, habe ich Madrid immer als mein Zuhause gesehen. Nach einem Jahr heißt es für mich nun aber Abschied nehmen. Zurück in die Heimat, nach Deutschland. Ich werde viele Erfahrungen und Eindrücke mitnehmen, manches werde ich allerdings lieber ganz schnell wieder in die hinteren Regionen meines Kopfes verbannen. Besonders was die Fortbewegung mit dem Auto betrifft. Ganz wichtige Punkte in Deutschland wären:
- An einer roten Ampel hält man an! In Madrid sind rote (oder „kirschgrüne“) Ampeln eher eine Richtlinie und Auslegungssache. Auch das Vorfahren in den Fußgängerbereich einer Ampelkreuzung wird sicher in Deutschland nicht allzu gern gesehen.
- Auch an einem Zebrastreifen hält man in Deutschland an, wenn jemand über die Straße gehen will.
- Zweiradfahrer sind in Deutschland (meistens) keine Bedrohung. Man muss nicht befürchten, dass Roller- oder Motorradfahrer plötzlich von hinten in einem Affenzahn rechts und links im Stau überholen. Meistens jedenfalls…
- Parken in der zweiten und dritten Reihe ist in Deutschland nicht gern gesehen.
- In Deutschland etwas weniger Gebrauch von der Hupe machen.
- Auch ganz wichtig: Geschwindigkeitsregeln beachten! Die Deutsche Polizei hat es gar nicht gern, wenn man bei vorgeschriebenem Tempo 100 mit 130 Sachen an ihnen vorbeirauscht. Außerdem sind Blitzer nicht wie in Madrid vorher angekündigt…schade eigentlich.
- Rechts überholen geht in Deutschland gar nicht! Man muss die penetranten Mittelspur-Fahrer einfach hinnehmen und sie ggf. links überholen. Dabei darf, wie im Übrigen auch beim Abbiegen, der Blinker gern eingesetzt werden.
- Eine Halteverbotszone in Deutschland ist und bleibt eine Halteverbotszone. Je nach Region sind Kontrolleure bereits nach drei Minuten zur Stelle, um den Strafzettel liebevoll an die Windschutzscheibe zu klemmen. Zugegeben, in Madrid kann man auch ein saftiges Bußgeld bekommen, aber auch hier gilt eher die Regel der Auslegungssache.

Zusammengefasst kann man sagen, dass das Leben als Autofahrer in Madrid am Anfang zwar ungewohnt und chaotisch zu sein scheint. Aber mit der Zeit passt man sich den Madrilenen an und stellt fest, dass vieles einfach funktioniert. Zum Teil auch besser als in Deutschland. Der Blinker links im Kreisverkehr („Wo bitte willst du denn hier links abbiegen???“) hat genauso seine Berechtigung wie das Überholen auf der rechten Spur. Klare Regel: Wer im Kreisverkehr die erste Ausfahrt nimmt, fährt im Kreisverkehr auf der rechten (äußeren) Spur. Es sei denn, man blinkt links, dann weiß der Hintere, dass man erst die nächste Ausfahrt nimmt. Oder man fährt gleich auf die linke (innere) Spur. Über lästige Mittelspurfahrer regt sich in Madrid niemand auf, sie werden einfach rechts oder links überholt.

Ein Jahr in Madrid vergeht wie im Flug. Die Stadt hat ständig Neues zu bieten, ist beinahe 24 Stunden in Bewegung. Das Dröhnen des Verkehrs, das Dauer-Gekläffe der Nachbarshunde und die tägliche Müllabfuhr auch am Sonntag sind sehr schnell zur Gewohnheit geworden. Genauso wie die obligatorische halbe Stunde Anstehen an der Supermarktkasse, wenn nur zwei Kunden vor einem sind, wird schnell akzeptiert und als normal empfunden. Spanier scheinen seltener an Bluthochdruck oder Herzkrankheiten zu leiden, denn Stress scheint hier ein Fremdwort zu sein. Natürlich kann das auch ärgerlich sein, wenn Termine ausgemacht werden, an die sich Handwerker, Telefonica & Co. wenn überhaupt mit einer gehörigen Verspätung halten. In Deutschland undenkbar. Hier aber Normalität, denn Terminvereinbarungen sind wie so vieles andere Auslegungssache.

Was ich sicher in Deutschland auch vermissen werde, ist diese emsige Herzlichkeit, wenn es einerseits um das Einpacken der Einkäufe im Supermarkt geht. Hatte ich anfangs noch protestiert, weil die Kassiererin mir meine Einkäufe liebevoll in mindestens 6 Plastiktüten verpackt hatte, gab ich bald darauf den Protest auf und stellte fest, dass diese Handlung ein festes Ritual beim Einkaufen ist. Wer in Deutschland würde sich solche Mühe geben, der Kundin die Lebensmittel einzupacken? Sicher niemand. Nachfolgende Kunden warten geduldig, bis das Ritual beendet ist, die Kassiererin wünscht noch einen schönen Tag und der Einkauf wird zum puren Service-Erlebnis.
Auch beim Ausgehen fällt die spanische Gastfreundlichkeit besonders auf. Kaum sitzt man an einem Tisch, kommt schon ein Kellner mit einem Korb voll Knabbereien oder einem Schälchen Oliven oder eingelegter Gurken. Erst dann wird die Bestellung aufgenommen. Als Raucher wartet man oftmals vergeblich auf einen Aschenbecher, wenn man draußen sitzt. Die Kippen werden – genauso wie die obligatorischen Papierservietten – einfach auf dem Fußboden entsorgt. Absolute Normalität. Deshalb ist es aber keinesfalls schmutzig in den Bars! Auch das Bezahlen empfand ich in Madrid immer als viel angenehmer als in Deutschland: Während in der Heimat der Kellner schon fast genervt mit offener Geldbörse und ausgestreckter Hand neben einem stand und somit das Gefühl vermittelt wurde, schnell zu bezahlen und zu verschwinden, bekommt man in Spanien die Rechnung auf einem Tablett serviert. Man legt das Geld auf das Tablett, der Kellner kehrt zurück, nimmt es mit und bringt wiederum das Wechselgeld auf demselben Tablett. Das Trinkgeld lässt man einfach liegen. In Deutschland unvorstellbar. Leider.

Wie liebevoll dieses Land ist – besonders in Bezug auf Kinder – lernt man sehr schnell. Kinder dürfen hier so gut wie alles. Wenn sie laut sind, stört es niemanden, denn Kinder sollen und müssen sogar laut sein! Fällt ein Kind auf dem Spielplatz hin und weint, wird sofort jemand aufspringen und sich um das Kind kümmern und es trösten – selbst wenn es nicht das eigene ist. Und selbst wenn man im Restaurant vergeblich nach einer Kinderkarte sucht, wird für die kleinen Gäste kulinarisch gezaubert, damit der kleine Hunger bestens gestillt wird. Das Eis zum Nachtisch ist eine Selbstverständlichkeit.

Auch das spanische Wetter werde ich natürlich vermissen. Anfangs war es noch etwas ungewohnt, denn die Temperaturen können in nur wenigen Stunden um bis zu 10 Grad schwanken. Besonders im Frühjahr, wenn es zu Beginn noch frisch ist, dann aber plötzlich und beinahe pünktlich ab Mitte Juni sonnig und vor allem immer wärmer wird. Bei 40 Grad und mehr trockener Hitze weiß man dann, dass es Sommer ist. Und der bleibt bis Mitte September, sogar im Oktober kann man noch abends im T-Shirt draußen sitzen.

All das werde ich in Erinnerung behalten. Und ich hoffe, eines Tages wieder in meine Wahlheimat zurückkehren zu können. Für nun ist aber meine Zeit in Madrid vorbei. Bleibt noch zu sagen: Gracias Madrid! Fue un rato agradable que nunca olvidaré!

Kommentare (3) :

Kommentar von Kathrin 15.07.2011

Kommentar von ana 01.08.2011

Kommentar von Sonja 30.08.2011

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