Wo bin ich zuhause?

25.02.2017 - Karin Sommer 

Seit Tagen schwebt mein Geist über Barcelona. Ich spaziere gemächlich die calle Radas hinunter und freue mich, den freundlichen Katalanen am Gemüsestand wiederzusehen. Ich freue mich über meine bicing karte, die ich noch eine Zeitlang behalten werde, nehme mir ein Rad an der gegenüberliegenden Station, und fahre zwischen stinkenden Autos, unachtsamen Mopedfahrern und blinden Fussgängern, glückselig Richtung Meer.  Ich treffe meine Freunde wieder, gehe zu drei Chorproben hintereinander und arbeite mit Klienten, die mir  ihre Abenteuer der letzten zwei Monate erzählen. 

 

Das zu meinem Geist, der sich seiner Fähigkeit hingibt, sich über alle Gesetze, die hier auf diesem Planeten gelten, hinwegzusetzen.  Mein Körper jedoch, der wie so oft etwas nachhinkt, befindet sich am Münchner Flughafen und wartet ungeduldig, dass sich der gutaussehende Spanier am Vuelingschalter mir zuwendet. Endlich bin ich an der Reihe und reiche ihm meinen Personalausweis. Er schaut ungewöhnlich lange auf seinen Bildschirm, und fragt mich nach meiner Buchungsnummer. Ich beginne sie, leicht irritiert, unter meinen unzähligen mails in meinem Handy zu suchen, und finde sie erleichtert nach kurzer Zeit. 

 

Der junge Vuelingmensch vertieft sich wieder in seinen Computer und dreht schliesslich den Bildschirm so, dass ich ihn sehen kann. „Lo ves? Tu ticket es para el 15 de marzo.“
 Will mir er mir tatsächlich sagen, dass ich einen Flug für den 15. März gebucht habe? Nach all den Jahren und unzähligen Flügen ohne Problemen, habe ich mich einfach so um ein Monat vertan? Ich starre ihn an, und sage erst mal gar nichts. Ich kann es nicht fassen und weiss gleichzeitig sofort, dass es wahr ist. Der 15. März hatte mich ausgetrickst, weil er auch ein Mittwoch war, genau wie der 15. Februar. Er musste mich in einem schwachen Moment erwischt haben,einem Augenblick, in dem ich vor Vorfreude geblendet war,  sonst wär ich ihm doch auf die Schliche gekommen.

 

Der Mensch vor mir, für den die Situation offensichtlich Routine ist, weil es bestimmt noch mehr Leute gibt, die zur falschen Zeit am falschen Ort erscheinen , erklärt mir, dass ich 20 Minuten warten muss, und dann versuchen kann, meinen Flug umzubuchen.

 

Die 20 Minuten verbringe ich mit leerem Hirn. Ich habe diese grausige Vorahnung, dass meine heutige Reise ihrem Ende zugeht. Eine kleine Ewigkeit später erklärt mir derselbe junge Mann, den ich nun doch nicht mehr so gutaussehend finde, dass ich meinen Flug um 360 Euro umbuchen kann. Ich kann nicht sagen, dass ich mich wundere, denn ich kenne die Politik der Fluggesellschaften. Der Mann im grauen Anzug neben mir anscheinend nicht. Er ist völlig verzweifelt, weil sein Flug erst am nächsten Tag geht, und er sich das Umbuchen um 300 Euro nicht leisten kann. „No me lo puedo permitir“ wiederholt er ständig. Ich hätte ihm gern eine Unterkunft angeboten, aber leider liegt meine Wohnung drei Stunden entfernt, wenn man sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen muss.

 

Der Anzugmann, der ausser sich ist, entscheidet sich für ein billiges, bestimmt schäbiges Hotel um 40 Euro.  Ich entscheide mich dafür, eine Zugkarte nach Hause zu kaufen. Die whaptsapps meiner Tochter und ihres Freundes mit möglichen Flügen für den nächsten Tag ändern zwar nichts an meiner finanziellen Situation und meiner Entscheidung, aber rühren mich doch sehr, weil sie mich daran erinnern, dass der Ort, an den ich jetzt fahren werde, mein Zuhause ist.

 

Ich sitze im Zug, schicke Nachrichten an all die, auf die ich mich so gefreut habe in den kommenden Tagen und lasse meine Tränen einfach laufen. In einem Zug, der vom Flughafen kommt, sind Tränen nichts Besonderes, und so lassen mich alle, die um mich herumsitzen, in Ruhe. Für mich sind diese Leute in diesem Augenblick ohnehin nur Kulisse, und ich nehme sie nicht mehr wahr als die Koffer, die herumstehen, oder die Dunkelheit, die vor dem Fenster vorbeizieht.

 

Drei Stunden später, genau als die Maschine in Barcelona landet, stehe ich wieder vor meiner Haustür in Bad Wiessee am Tegernsee. Ein bisschen so, als ob das Leben sagen würde: „Dein Zuhause ist jetzt hier.“ „Gut“ anworte ich.

 

Ich steige die mit Samtteppich gekleidetenTreppen zu meiner Wohnung hinauf, gehe an den Porzelanengeln und dem Spinnrad vorbei und frage mich wie so oft in meinem Leben, ob die Zufälle, die seltsamen Umstände, die Dinge, die ich mir nicht erklären kann, dann doch irgendwie Sinn machen. Ich drehe mich fragend zum Porzelanengel um, und ich weiss, das glaubt mir jetzt keiner, aber er zwinkert mir zu, und ich entspanne mich, weil Barcelona mit ein bisschen Glück auch noch in einem Monat dort ist, wo es sich heute befindet, und meine zweite Heimat bleiben wird, egal wieviele Flugzeuge bis dahin noch ohne mich in meine geliebte Stadt aufbrechen.

 

*Karin Sommer ist Österreicherin, verbrachte 12 Jahre in Barcelona, und lebt zurzeit am Tegernsee in Bayern.

Sie lehrt Menschen, ihr Leben mit Freude zu leben.

Mehr von ihr unter www.karinsommerbcn.com

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