Wie ein Stromkonzern auf der Leitung steht! (von C. Kügler)

05.08.2007 - Clementine Kügler - Übersetzerin 

Vor einiger Zeit habe ich energía verde (grüne Energie) beantragt, d.h. der Stromlieferant verkauft mir den gleichen Strom wie immer, aber ich zahle etwas mehr. Er fordert dafür alternative Energie an, Wind beispielsweise, dort, wo es geht. Damit fördert man die Nachfrage nach umweltschonender Energie und bekommt ab dann einen Vertrag, eine Urkunde und die Rechnungen auf Altpapier. Nach einem Jahr kündigte ich den Vertrag energía verde wieder. Drei Tage später wird mir jedoch der komplette Strom abgestellt und der Zähler aus dem Elektrizitätsraum im Keller des Hauses ausgebaut. Der Techniker lässt sich nicht beirren. Ob da ein Missverständnis vorliege, interessiere ihn nicht, er nähme den Zähler mit. Ich wähle die einzig verfügbare Nummer des Stromlieferanten, die mich mit einem Callcenter verbindet. Ich besitze ein altes analoges Telefon, auf dem ich keine Tasten drücken kann, wie man das von mir verlangt. Bei manchen Firmen kommt man damit gar nicht weiter, bei dieser falle ich die ersten beiden Male aus der Leitung, dann nicht mehr.1. Gespräch, ein junger Mann: natürlich, ein großer Irrtum, ich hätte eine ganz andere Formulierung benutzen müssen, um energía verde zu kündigen. So hätte der Konzern verstanden, dass ich mich ganz abmelden möchte. Niemals hätte ich zulassen dürfen, dass der Techniker den Zähler mitnimmt. Wie denn? Die Polizei rufen, empfiehlt er. Prima, denke ich, der schreibt in seiner Freizeit wahrscheinlich Kriminalromane. Drei bis fünf Tage wäre ich sicher ohne Strom, und 85 Euro kostet der neue Anschluss. Ob ich den beantragen will, das könne ich aber auch noch später... Ich verschiebe die Entscheidung und rufe den Versorger Gas Natural an, ob die mich sofort nehmen. Aber die übernehmen nur, was die anderen eingerichtet haben und bei mir ist ja jetzt nichts eingerichtet, nur großer Schaden angerichtet.2. Gespräch, eine junge Frau: Ja, das ist natürlich ein Irrtum. Das Problem läge nun in ihren Händen. Sie würden versuchen, den Techniker zu kontaktieren, damit er den Zähler heute gleich wieder einbaue. Das würde mich nichts kosten. Sie werde mich anrufen, sobald sie wüsste, wann der Techniker komme, ganz bestimmt. Ich gebe ihr meine Festnetznummer und mein Handy. Inzwischen habe ich mit Verlängerungskabeln Heizung, Kühlschrank, Kochherd und Arbeitsplatz mit Strom aus der Nachbarwohnung wieder zum Funktionieren gebracht. Der Anruf erreicht mich niemals. 3. Gespräch mit einer jungen Frau aus Bilbao: Nein, heute auf keinen Fall mehr. Aber sie würde mich morgen früh anrufen, gleich morgens, um mir zu sagen, wann der Techniker kommt, um den Zähler einzubauen. Wieder gebe ich meine Telefonnummern und gehe einkaufen. Sie ruft mich bereits fünf Minuten später auf dem Handy an, um mir zu sagen, dass das so alles doch nicht ginge, ich hätte 125, dafür würde ich nie wieder einen Anschluss erhalten. Ich verstehe kaum etwas und frage nur, was ich denn nun tun müsse, um wieder Strom zu haben. Elektriker bestellen, Anlage erneuern, das alles koste 400 Euro mindestens. Ich lege auf und mir wird plötzlich klar, was sie mit 125 meint, die Voltzahl. Aber ich habe 220 Volt, schon seit ich dort wohne. Wieder rufe ich die Nummer an.4. Gespräch mit einem jungen Mann in Valencia: Ja, schöner Schlamassel und dann noch der Fehler auf Informatikebene mit 125 Volt, ob ich sicher sei, dass ich 220 hätte... ich solle doch morgen früh zum Kundendienstcenter des Stromlieferanten gehen, die können schneller agieren und müssen den Vorgang rückgängig machen. Ob er mir sagen könne, wo ein Kundendienstcenter sei. Ob ich an der Castellana wohne, fragt er, eine Allee so lang, wie die Stadt. Er sei wohl nicht aus Madrid, frage ich zurück...Am nächsten Morgen fahre ich zum Kundendienstcenter und werde erfreulicherweise sofort bedient.5. Gespräch: Einen Moment bitte. Ein Angestellter verschwand mit meinen Papieren. Kurz darauf telefoniert sein Chef. Der Angestellte kommt zurück, der Techniker würde heute noch den Zähler einbauen, ich solle ihm meine Telefonnummer geben. Ich bitte noch darum, den Fehler auf Informatikebene zu ändern: 220 Volt hätte ich, er ändert das, ohne ein Papier sehen zu wollen und während er das tut, kommt der Chef aus seinem Büro, fragt, ob ich in einer halben Stunde zu Hause sein könnte, der Techniker käme dann. Ich bedanke mich, vergesse, die grüne Energie zu stornieren und eile nach Hause. 40 Minuten später habe ich tatsächlich Strom.Das ist eine Weile her, inzwischen hat der Konzern sein Angebot an grüner Energie zurückgezogen.

Kommentare (1) :

Kommentar von Stefanie 05.08.2007

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