Vamos a la calle ? Die Yayoflautas organisieren sich

17.12.2012 - Susanne Schwarz 

Weit gefehlt wer glaubt, nur die Jungen rebellieren. In Spanien können dies auch die “Alten”. Sie nennen sich die Yayoflautas. Eine ironische Bezeichnung ihrer selbst. Yayoflautas bedeutet Strassengesindel. Gesindel sind sie wahrlich nicht, darin liegt die Ironie und auch ein ernstes Signal, das die Spanier an ihre Regierung und an Europa senden. Gehen die Alten auf die Strasse, organisieren sie sich zu Protesten und zeigen die Zähne, so tun sie dies für die Jungen, denen der Staat die Perspektiven raubt. Gehen die Alten auf die Strasse und protestieren, zeigt das auch, wie bedrohlich hierzulande die Situation ist, denn normalerweise gehören die Rentner der Bevölkerungsschicht an, die den “Unfug” ihrer Regierung kopfschüttelnd – und nicht fäusteballend – dokumentiert.

Sie sind kampferprobt. Die meisten von ihnen haben unter diktatorischen Zeiten gelebt, haben sich gegen das Franco-Regim aufgelehnt. Sie haben Zeit und sind ständig abrufbar. Sie wissen was sie tun, wenn sie heute – viele Jahre älter und ergraut – auf die Strasse gehen. Wenn sie aufstehen und abermals für das Recht und eine bessere Zukunft kämpfen. Sie sind freundlich und ruhig. Sie kommunizieren. Sie sind energisch, nicht zimperlich. Sie besetzen Schalter von Banken, umzingeln Börsen, sie stürmen Eingangshallen von Versicherungen.



Sie sind listiger als die Jugend, die ihre verständliche Wut in einer grossen Woge hinausbrüllt, die abebbt und sich bis zu der nächsten Empörung verliert. Sie sind irgendwie “immer da”. Das macht die Sache gefährlich. Kleine Gruppen, die wachsen. Die sich in anderen Städten neu formieren. Abgeklärt nicht verklärt. Zielstrebig agierend, nicht diffus handelnd. Die Börsianer in Barcelona kennen das. Man “trifft” sich seit vielen Monaten immer am gleichen Tag, immer zur gleichen Uhrzeit vor dem Gebäude. Der Dritte im ständigen Bunde ist die Polizei. Die Börsianer grüssen freundlich, doch fühlen sie sich unbeholfen. Die Polizei fühlt sich unbehaglich. Es sind freundliche, ältere Menschen, die “nur da stehen”. Manchmal singen sie, einer spielt Gitarre. Sie tun nichts – aber sie wissen um die Aufmerksamkeit und wachsende Sympathie der Anderen.

2013 muss Spanien 35 Milliarden einsparen. Der Löwenanteil geht über Bildung und Gesundheit. Das wiederum schwächt die Bevölkerung und gefährdet die Zukunft des Landes. Der spanische Teufelskreis dreht sich bereits. Grosseltern müssen Eltern und Kinder mit ihren ohnehin kleinen Renten auffangen. Sie tun dies. Irgendwie. Eigentlich können sie es gar nicht. Über 600.000 Menschen erhalten aktuell gar keine Unterstützung. Sie alle sässen auf der Strasse, fingen die Alten sie nicht auf.

Und sie, die Alten vertrauen der Regierung nicht. Sie vertrauen nicht auf gemachte Aussage das Haushaltsdefizit durch alleiniges Sparen reduzieren zu können. Sie sehen sich durch die Einschneidungen im Gesundheitssystem belastet, durch die Mehrwertsteuererhöhung abermals zur Kasse gebeten. Durch Rentenkürzungen ein weiteres Mal missachtet. Dieses Misstrauen bringen sie in dieser Woche in ganz Spanien auf die Strasse. Sie sprechen für sich, aber sie kämpfen für ihre Kinder. Sie lehnen sich nicht zurück, sie stehen auf und organisiern sich. Franco sitzt noch zu tief in den Knochen. Man hat den Aufstand nicht verlernt. Damals ging es um ihre eigene Zukunft. Heute formieren sie sich erneut. Diesmal für ihre Kinder. Hut ab vor den Yayoflautas und Hab Acht an die Regierung!

Kommentare (2) :

Kommentar von Georg Herrmann 19.12.2012

Kommentar von Susanne Schwarz 19.12.2012

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