Tatort Spielplatz

12.04.2009 - Stefanie Claudia Müller - scm-communication 

In Spanien ist ein Spielplatz viel mehr als Schaukeln und Wippen. Der Sandplatz mit ein paar Geräten und Bänken zum Sitzen ist das Zentrum des nachmittäglichen Lebens vieler Familien, das Wochenenderlebnis schlechthin. Auf den meist parkähnlich angelegten Flächen ruhen sich gestresste Nannies und Mütter auf der Bank aus, während ihre Kleinen toben. Aber hier wird auch networking betrieben - meist zwischen den wenig vorhandenen Vätern. Und ganz wichtig: Nach der Schule oder dem Kindergarten wird hier die merienda, der Nachmittags-Snack, eingenommen. Meist ein Sandwich mit jamón und natürlich chuchería. 

In Madrid gibt es fast an jeder Ecke einen eingezäunten Raum mit Sand, Wippe und Klettergerüst, er ist ein wichtiger Teil des spanischen Soziallebens. Wer nicht hier hinkommt zum Sozialisieren, hat meist einen solchen Park mit Schwimmbad in seiner Wohnanlage. Das Netz von Spielplätzen ist in Spanien vielleicht auch aus diesem sozialen Hintergrund viel größer als in Deutschland, wo sich oft Eltern zusammenschließen müssen, um einen solchen zu finanzieren, deutsche Kinder spielen in den städtischen Siedlungen viel mehr auf der Straße als in Spanien. 

In Spanien dagegen sind Kinder meist immer unter der scheinbaren Obhut ihrer Eltern oder Babysitter. Typische Szene nach der Schule: Mütter, die schnackend zusammen im Café sitzen und eine Copa zu sich nehmen, die Kinder turnen derweil auf dem benachbarten Spielplatz unter Aufsicht eines meist ausländischen Kindermädchens durch die Gegend oder ältere Geschwister passen auf. Während Mama über gute Geschäfte und den neuesten Dorfklatsch debattiert, haben die Kleinen Spaß. Es entsteht der Eindruck: Man verbringt Zeit zusammmen.

Und auch die Nannies freuen sich über den Spielplatz, denn diese nutzen ihn meist,  um sich mit ihren Landes- und Leidensgenossen zu treffen. Zu viert oder fünft sitzen sie auf der Bank und lästern über ihren Arbeitgeber, erzählen sich die neuesten Liebeserlebnisse, schwärmen von der Heimat oder hören einfach zusammen Musik. Zwischendurch putzen sie ihren Zöglingen immer mal wieder die Nase ab oder stopfen schon Zweijährigen Chips in den Mund, damit sie nicht quengeln. Mama nippt derweil am Gin Tonic. Papa liest am Wochenende auf der Bank die Zeitung und schaut immer mal wieder auf seine Kleinen. Er ist stolz, dass er Zeit mit seinen Kindern verbringt. Kommt eine besonders attraktive Mutter vorbei, wendet sich sein Blick schon mal in eine andere Richtung. Ja, auf dem Spielplatz wird auch geflirtet, entstehen Beziehungen jeglicher Art. 

Und man trifft nicht nur Menschen aller Rassen und sozialer Hintergründe, sondern auch unter Umständen Persönlichkeiten wie Luís Figo, als der noch in Spanien wohnte. Denn dem bunten Treiben kann sich kaum einer Entziehen, es gehört zur spanischen Kultur wie der Flamenco und der Stierkampf. Es gibt Familien, die verbringen ab Frühling bis Herbst jeden Nachmittag auf dem Spielplatz, auch wenn die Kinder längst aus dem Alter rausgewachsen sind. Und selbst bei 10-jährigen Kindern kommen die Eltern noch mit. Man muss ja aufpassen, aber noch wichtiger, man kann dort ja Bekannte treffen und auch Spaß haben, en famille sozusagen.  

Dieses bunte Treiben nimmt jedoch ein abruptes Ende, wenn die Sonne untergeht. Dann werden Fahrräder und Skateboards eingepackt, alle strömen heim, um die baños und das Abendessen vorzubereiten. Die Kinder sind alle total aufgedreht und viele haben die Hausaufgaben noch nicht gemacht. Egal, denn zu Abend gegessen wird ja meist eh erst um 21.30 Uhr, da bleibt Zeit. Für Deutsche alles sehr gewöhnungsbedürftig, aber nach Jahren in der Ferne wird alles zur Normalität, auch wenn des die Gäste aus Deutschland immer wieder wundert, wie spät die Kinder hier schlafen gehen.

Ist die Sonne untergegangen, dienen viele Kinderplätze einem anderen typisch spanischen Brauch: dem botellón, der Billig-und Spontan-Party von Jugendlichen, die kein Geld für teure copas haben. Eigentlich keine schlechte Idee, aber traurig ist, dass diese danach nicht ihren Müll wegräumen und am nächsten Morgen, wenn die Nannies mit den Kleinsten wieder pünktlich um 11 Uhr an der Schaukel stehen, noch die Kippen und Scherben im Sand liegen. 

Kommentare (8) :

Kommentar von ralf 13.04.2009

Kommentar von stefanie 13.04.2009

Kommentar von Esteban 14.04.2009

Kommentar von stefanie 14.04.2009

Kommentar von Isabel 14.04.2009

Kommentar von stefanie 14.04.2009

Kommentar von Esteban 15.04.2009

Kommentar von Isabel 15.04.2009

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