Spanien wird von Korruption zerfressen

17.07.2008 - Stefanie Claudia Müller - scm-communication 

Seit acht Jahren bin ich jetzt hier in Madrid, jedes Jahr wird es meinem Empfinden nach schlimmer. Immer mehr Fälle von Geldhinterziehungen, Dokumentenfälschung, Geldwäsche, Anlegerbetrug, Bestechungsgelder oder nennen wir das Ganze einfach Korruption. Der unmoralische Sumpf breitet sich immer weiter aus. Es gibt kaum einen spanischen Bürgermeister, der hier noch eine weiße Weste hat, selbst Präsidenten von Eigentümergemeinschaften in Wohnsiedlungen sind in Korruption verstrickt, von den ganzen Immobilienfirmen und Bauträgern, von denen viele auch deswegen jetzt pleite gehen, ganz zu schweigen.

Der Gipfel war für mich, dass mir ein Bekannter aus einem Verlag kürzlich mit aller Natürlichkeit erzählte, dass die Editorials einiger Zeitungen in Spanien unter der Hand als Werbeplätze verkauft werden. Lobbygruppen, Unternehmen und Parteien nehmen auf die Kommentare mit Geld oder anderen Druckmitteln massiv Einfluss. Viele Chefredakteuer geben dem Druck der Verlage nach und schreiben nach Diktat. Das erklärt, warum die Medien hier so unglaublich politisiert sind, warum hier so wenig Firmenverbrechen oder politische Skandale von den Medien aufgedeckt werden, warum hier Pressemitteilungen kommentarlos abgedruckt werden. Das erklärt, warum hier Fernseh- und Radiolizenzen nur an “Getreue” vergeben werden und das erklärt auch die wachsende Korruption in diesem Lande. 

Wenn die vierte Macht nicht mehr als kontrollierendes Organ funktioniert, dann kann eine Gesellschaft nur noch im Sumpf versinken.  "Die ausländische Presse kann uns sehr schaden", sagte mir jüngst ein Rechtsanwalt. Ja, denn die Korrespondenten sind die einzigen, die sich hier in diesem Land trauen, den Mund aufzumachen, die Fehlpraktiken von Banken und Unternehmen aufdecken. Sie haben es natürlich auch leichter, sie hängen nicht von diesem korrupten Machtsystem der Medien ab.   

Natürlich sind die Spanier keine schlechteren Menschen als andere. Es ist ja sehr menschlich, immer nach seinem eigenen Profit zu schauen. Aber hier funktionieren die Kontrollmechanismen einfach nicht mehr. Gesetze haben keine autoritäre Wirkung mehr, die Moral scheint abhanden gekommen zu sein.  Weil über all gemauschelt wird, sich Posten zugeschoben werden, zuviele Hände einander waschen und es zu wenige gibt, die gegen den Strom der Korruption schwimmen, die Mut haben, Leute zu denunzieren, ist das Übel für die Regierung kaum noch zu greifen. Noch schwerer wird es dann, wenn wie in Spanien der Fall, gerade in der Politik soviel korrupte Menschen sitzen.

Zuviele Spanier haben in den vergangenen zehn Jahren mit diesem System der Geldwäsche und Korruption, der Steuerhinterziehung und Dokumentenfälschung Geschäfte gemacht. Wenn es einem gut geht im Sumpf, warum sollte man ihn verlassen. Und da gibt es noch soviele Bauunternehmen wie Aifos, Polaris World und Marina d'Or, bei denen bisher nur ein kleiner Teil der Unregelmäßigkeiten aufgedeckt wurde. Im Rahmen der Konkurse, die den Sektor jetzt treffen, darf sich mancher Spanier und Ausländer noch wundern, bei wem er sein Ferienhaus gekauft hat.

Aber es bleibt abzuwarten, ob der korrupte Sektor zu Verantwortung gezogen wird wegen Spekulation, Bestechungsgeldern und unlauterer Geschäftspraktiken. Zulange schauen zuviele Menschen bei dem bunten Treiben zu. Das gilt auch für den Fall Estepona, wo der Bürgermeister gerade festgenommen wurde. Jeder normale Mensch hätte nach der Aufräumaktion im Gemeindeart von Marbella in den vergangenen Jahren Angst gehabt, nur 20 Minuten entfernt, ein ähnliches Mafia-System aufzubauen. 

Und unsere Kinder?  Mir macht es Angst, dass die nächste Generation in Spanien scheinbar nicht besser wird. In der Schule wird auswendig gelernt, statt selbst nachzudenken. So wenige Studenten gehen hier für ihre Rechte auf die Straße, so wenige demonstrieren für Frieden (abgesehen vom Irak-Krieg) oder Klimaschutz. Warum bringt diese Immobilienkrise die Leute nicht auf die Barrikaden? Soviele sind von Banken, Maklern und Bauträgern übers Ohr gehauen worden. Anscheinend bringt nur Eta die Spanier auf die Straßen, aber dann auch meist nur mit der politischen Hand im Hintergrund. 

Es gibt zu wenig Rebellen in diesem Land, zu wenig Aufmüpfer, zu wenig Menschen, die gegen den Strom schwimmen und sich nicht mit dem überall präsenten korrupten System anfreunden können. Es gibt zu wenige Menschen, die nicht nur den eigenen Profit sehen, Idealismus fehlt hier. Geld regiert hier über alles, leider auch über die Moral und leider auch über die Medien.

Kommentare (20) :

Kommentar von Carsten 19.07.2008

Kommentar von stefanie 19.07.2008

Kommentar von tia 19.07.2008

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Kommentar von Carsten 21.07.2008

Kommentar von Isabel 22.07.2008

Kommentar von Jan 22.07.2008

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Kommentar von Carsten 23.07.2008

Kommentar von ralf 23.07.2008

Kommentar von Volker 23.07.2008

Kommentar von stefanie 24.07.2008

Kommentar von Ralf 24.07.2008

Kommentar von stefanie 25.07.2008

Kommentar von Andy 25.08.2008

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