Quadratkopftum

29.05.2012 -  

Quadratköpfe, cabezas cuadradas, sagen Spanier uns Deutschen nach, wenn sie im Zuge des bilateralen Transports von Vorurteilen wieder einmal eine typisch teutonische Wesensart genervt hat: Hyperkorrektheit, verzahnt mit Besserwisserei, Beschwerdewahn und Verbohrtheit, bis die allerletzte Unwesentlichkeit ausdiskutiert und unter Inaugenscheinnahme der gültigen Gesetzeslage aus der Welt geräumt ist. Selbstverständlich haben die Spanier Recht, übersehen aber dabei, dass auch ihr behaartes Rundhaupt, das bei manchen einzig dazu dient, Torerokappen zu tragen, mittlerweile in bedrohlichem Ausmaß die Form des Eckigen angenommen hat ...

Den Einbruch des Kleinlichkeitsdenkens in die südländische Mentalität hätte ich vormals nie für möglich gehalten, doch er ist irreparabel erfolgt und braucht sich nicht mehr vor dem einst übermächtig scheinenden Deutschland zu verstecken. Falls Sie mir nicht glauben: Fragen Sie bei den Theatermachern des Teatre Arteria Paral.lel in Barcelona nach, die es während der Aufführungszeit ihrer Produktion »Hair« mit dem drehbuchreifen Intermezzo eines Zuschauers zu tun bekamen. Ob der Besucher nicht ahnte, was ihn bei »Hair« erwartete? Ob er unwissend war wie mein Großvater, der, so hat es die Familienlegende kolportiert, wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs in den Kinofilm »Der dritte Mann« ging? Der schauspielerischen Glanzleistung von Orson Welles und den fesselnden Verfolgungsszenen durch Abwasserkanäle zum Trotz, verließ Opa Drouve den Saal am Ende enttäuscht, weil seine Vorfreude nicht erfüllt wurde. Auf der Leinwand ging es um Schieberei mit gestrecktem Penicillin im besetzten Wien der Nachkriegszeit, gerechnet hatte Großvater mit einem Streifen über Skatbrüder.

Ebenfalls zur Erinnerung: »Hair« ist kein PR-Singspiel der Friseurinnung, sondern ein Rockmusical, das zur Hippiezeit spielt. Mit Protesten gegen Krieg und Establishment, freien Triebentfaltungen, Drogenrausch. Im Teatre Arteria Paral.lel zeigte sich ein Zuschauer plötzlich schockiert. Er fand bei »Hair« das Haar in der Suppe und prangerte einen Verstoß gegen geltendes Recht an: Die Schauspieler auf der Bühne rauchten, womöglich sogar Joints! Aber war nicht Rauchen im Theater, wie auch in anderen öffentlichen Einrichtungen des Landes, ausdrücklich verboten? Folgerichtig erstattete der Spanier Anzeige gegen das Theater, das sich fortan mit der Polizei und einem Schreiben des Barceloner Gesundheitsamtes konfrontiert sah. Sollte im Theater das Rauchen weiter gestattet bleiben, hieß es, würde wegen Vergehens gegen das Antitabakgesetz eine drakonische Geldstrafe ausgesprochen. Dabei spielte keine Rolle, dass, wie der Regisseur vor der Presse im Schockzustand anführte, die Akteure aus Rücksicht auf ihre eigene Gesundheit und die des Publikums extra keinen Tabak, sondern eine Mixtur aus getrockneten Kräutern und Nussbaumblättern schmauchten. Wenn das so weitergehe, würden demnächst sogar »noch Filme verboten, in denen geraucht wird«, und aus alten Streifen würde »Humphrey Bogart mit der Zigarre« geschnitten, lamentierte er. Um den angedrohten Sanktionen zu entgehen, schien es gleichwohl ratsam, im Teatre Arteria Paral.lel einzelne Passagen in »Hair« leicht abzuändern ...

Ebenso wenig Gnade vor der freien Entfaltung von Kunst kannte die Nationale Verkehrsbehörde, Dirección General de Tráfico. Spitzfindig stießen deren Nichtsnutze auf ein landesweit verbreitetes Filmankündigungsplakat, das die Hollywoodstars Tom Hanks und Julia Roberts in rauschender Fahrt auf einem motorgetriebenen Zweirad zeigte – beide ohne Helm. Darin sahen die Hüter über Spaniens Straßensicherheit einen Verstoß gegen einen Passus aus dem Verkehrsgesetz. Dieser untersagt »in Verbindung mit motorgetriebenen Fahrzeugen« jedwede Art von Werbung, die in irgendeiner Weise – »schriftlich oder mündlich, in ihren akustischen Elementen oder in ihren Bildern« – zu überhöhter Geschwindigkeit anleite, Gefahrensituationen heraufbeschwöre oder »verwegene Verhaltensweisen« fördere. Der letztgenannte Punkt war der springende, da zu befürchten stand, jeder Spanier könnte im Zuge des Nachahmungseffekts bald wieder tollkühn und helmlos auf motorgetriebenen Zweirädern unterwegs sein. Da sich niemand der Paragrafenreiter der Mühe unterzog, Tom Hanks und Julia Roberts auf dem Klageweg persönlich zu kontaktieren, überstellte man der Einfachheit halber dem spanischen Verleih des US-Films einen Strafzettel über 30.000 Euro.

Diese Zahl war gleichwohl Peanuts im Vergleich zu jener, der mehrere hundert Rentner aus der Provinz València für ein bestialisch kriminelles Vergehen im Kollektiv entgegensahen. Die 76- bis 92jährigen gehörten einem Großfreundeskreis an, der sein Standquartier im Städtchen Sagunt unterhielt. Dort trafen sie sich wie immer nach der Siesta und verbrachten ihre Freizeit mit Kartenspielen und Bingo, bei dem sie gerne Zehn- und Zwanzig-Eurocentmünzen einsetzten. Die kleinen Gewinne, die in die Gemeinschaftskasse flossen, kamen der Pflege und den Nebenkosten für ihren Stammsitz zugute. Auch für Katastrophengebiete in armen Ländern hatten sie schon aus ihrem Fundus gespendet.

Wer den Sicherheitskräften letztlich den heißen Tipp gab, blieb unklar, doch eines Nachmittags stürmte eine Polizeieinheit in den Rentnertreff, unterband die Praxis des »illegalen Glücksspiels« und nahm zu Protokoll, dass hier »Wetteinsätze in einem nicht dafür autorisierten Lokal« getätigt wurden. Vorgesehenes Strafmaß: bis zu 600.000 Euro ...
Unglaublich wahr ist auch die Geschichte einer Frau aus Südspanien, die den Versuch unternahm, einen der Drei Weisen aus dem Morgenland wegen Körperverletzung zu verklagen. »König Balthasar« hochselbst soll es gewesen sein, der sie beim Dreikönigsumzug in der andalusischen Provinzhauptstadt Huelva von einem Festwagen aus mit einem Bonbonwurf am Auge verletzt hatte. Ein gutes Jahr nach dem verhängnisvollen Vorfall stufte der Amtsrichter Bonbonwürfe bei Dreikönigsumzügen nicht nur als »hinnehmbare Risiken« für die am Straßenrand befindlichen Zuschauer ein, sondern gab zu bedenken, ob es sich in der Tat um »König Balthasar« handelte, wie in der Anzeige formuliert. Falls ja, genoss die Hoheit unter diesen Vorzeichen nicht Immunität? Und woher genau stammte er? Balthasars Herkunft vor mehr als 2.000 Jahren aus einem nicht näher definierten Land des Orients ließ die Angelegenheit nicht unter die spanische Gerichtsbarkeit fallen und schließlich ins Archiv wandern. Anders gelagert war der Fall eines Pfarrers aus dem Hier und Heute im Ort Puebla de Don Fadrique in der Provinz Granada. Der Gottesmann sah sich plötzlich mit einer Anzeige von Vogelschützern konfrontiert. Dabei hatte er lediglich vom Glockenturm seiner Gemeinde aus mit einer Flinte auf lästige Tauben geschossen ...

Was dem hinzuzufügen bleibt?
Eigentlich nichts, bis auf den Trost, dass a) im Land des bislang unausrottbaren Stierkampfs der Tierschutz weiter an Zulauf zu gewinnen scheint und b) Spanier bislang keine Gartenzwerge kennen, über deren entblößte Hinterteile an der Grundstücksgrenze jahrelang Nachbarschaftsstreits entbrennen.

Andreas Drouves
Im April ist das Buch ´Selbstversuch Spanien´ von Andreas Drouve erschienen.
Mehr Infos unter:
http://www.conbook-verlag.de/selbstversuch_spanien.html und
www.selbstversuch-spanien.de

Kommentare (1) :

Kommentar von María 07.06.2012

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