Mieten in Spanien

19.07.2009 - Paul Stadelhofer - Erasmus-Student 

In Madrid ein Zimmer zu mieten, macht nicht nur Spaß sondern sogar schlau. Warum? Das lässt sich anhand der einfachen Rechnenaufgabe erklären, welcher ich mich vor kurzem in Madrid stellen konnte.

Die Frage: Sie finden im Internet ein Zimmer in Madrid für 250 Euro. Beim Einzug steigt der Preis auf 357 Euro. Die Kaution ist so hoch wie der Mietpreis. Also 357 Euro. Hinzu kommen 50 Euro für die Zimmerreservierung. Zimmerreservierung und Kaution sollen später gemeinsam zurückerstattet werden. Wie hoch ist der Betrag, den Sie tatsächlich zurückerhalten? Die Antwort: Auch wenn Sie vorerst auf 407 Euro tippen – erhalten Sie 291 Euro. Zumindest ist das in meinem Fall so, wobei sich die Summe aus einer einfachen Addition ergibt. 357 Euro Kaution + 50 Euro Zimmerreservierung.

„Ganz klar“, so mein ehemaliger Vermieter: „291 Euro.“ Er rechnet nochmal nach: „Ja. 291 Euro“, stellt er fest und erntet einen Blick, den normalerweise nur Zauberkünstler im Dorfkindergarten verdienen. „Wie hat er das gemacht?“, frage ich mich und schaue auf seine Papierwirtschaft, als wäre dort ein Kaninchen versteckt. Ohne jemals eine Antwort zu finden.

Sein Trick: Als ich auf seine Zimmeranzeige antworte, zeigte er mir sein vollgerümpeltes Haus und ich zahle fröhlich 50 Euro für die Zimmerreservierung.
Schließlich bekam ich für "nur" 250 Euro ein quietschendes Bett, ein vollgestelltes Regal und einen Schreibtisch vom Sperrmüll versprochen. Ein Angebot, dass man sich nicht entgehen lässt, wenn man schon ein paar Zimmer in Madrid gesehen hat. Vor allem dann nicht, wenn sogar die Aussicht auf den zugerümpelten Innenhof im Angebot mit inbegriffen ist und wenn man seine 300 Euro Miete um 50 Euro reduzieren will.

So war bald ein Nachmieter für mein altes Zimmer gefunden und ich bezahlte obdachlos die vereinbarte Miete von 250 Euro, um kurz darauf in das abgesprochene Zimmer geführt zu werden. „Moment. Mit einer Waschmaschine und drei Tischen kann ich hier ja nicht schlafen“, stelle ich fest. „Kein Problem“, lächelt der verwegene Miet-Veteran. Schließlich habe er für den deutschen Studenten mit verwundertem Blick und Koffern im Arm eine schmucke Unterkunft für 357 Euro im Repertoire.

Zwar hatte das abgesprochene Zimmer nur 250 Euro kosten sollen, diesmal war aber sogar ein freies Regal und genügend Raum, um einen Spaziergang um den Schreibtischstuhl zu machen, im Preis enthalten. Ich griff – ohne mit den Koffern in den Händen einen neuen Vertrag zu verlangen – natürlich tiefer in den Geldbeutel. Auch wenn es mir im Nachhinein seltsam scheint, zahle ich außerdem im selben Augenblick die Kaution mit einem schrägen Blick auf den gesprungenen Spiegel und den darauf bröckelnden Gips im teureren Zimmer.

„Das war der Fehler“, sagt meine spanisch-deutsche Cousine Susanna, die nicht nur gerne über mich lacht, sondern auch studierte Juristin ist. Dass meine 15 Mitbewohner illegal in dem Haus leben und dass die heimlich eingewanderten Bolivianer zusätzlich zu ihrer Hausmeistertätigkeit das Nachbarhaus illegal umbauen, redete sie mir als Verhandlungsargument aus, als ich einige Monate darauf meine Kaution zurück haben will.

Ebenso redet sie es mir aus über andere Details zu lamentieren. Details, wie die, dass der Vermieter unser Essen stahl, die dabei verschmutzten Teller nicht einmal abspülen wollte und die dadurch angelockten Kakerlaken höchstens den Katzen zum spielen gab. So rief meine amüsierte Cousine Susanna einige Male an und letztlich war ich mit einer halben Schlägerei, einem Dreiviertel der Kaution und dem Gefühl als Gewinner aus der Auseinandersetzung hervorgegangen zu sein in eine neue Wohnung eingezogen.

Meine ehemaligen Mitbewohner hingegen nörgeln heute noch darüber, dass der Vermieter das warme Wasser abstellt. Schließlich müsse man auch im Winter Geld sparen, sagt er und klopft sie am Ersten des Monats um 10 Uhr aus dem Bett, um eine Gesamtsumme von über 5000 Euro zu kassieren – ganz gleich ob Sonn- oder Feiertag.

Ich wollte das nicht mehr in Kauf nehmen und lasse mir deshalb inzwischen in zentraler Lage mit großem Fenster von meinem argentinischen Mitbewohner Mariano das Essen klauen und zahle ein Drittel weniger an Miete. Zwar wurde auch hier beim Einzug eine Mieterhöhung von 15 Prozent festgelegt, allerdings glaube ich nun den Spaniern, die sagen, dass ich mir meine Kaution anhand der letzten Monatsmiete zurückholen soll, anstatt meiner Anwalts-Cousine Susanna noch mehr Arbeit zu bereiten.

Mit diesem Geheimtrick im Hinterkopf höre ich immer noch nicht auf Susanna, die sagt ich soll für jede Zahlung ordentliche Belege verlangen. Trotzdem fühle ich mich nun sicherer. Schließlich habe ich aus dem letzten Wohnungswechsel Kampferfahrung mitgenommen und weiss nun, dass ich meine Kaution auch gegen einen gewaltfreudigen 120 Kilo Mann verteidigen kann.

Kommentare (4) :

Kommentar von Jörg Steinert 23.07.2009

Kommentar von ralf 26.07.2009

Kommentar von Nina 04.08.2009

Kommentar von cristina 22.10.2009

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