Katalonien auf dem Weg zum eigenen Staat

04.02.2014 - Thomas Spieker 

Viele Deutsche Mitbürger wundern sich über den ‚plötzlichen‘ Unabhängigkeitsdrang der Katalanen. Jedoch ist der viel älter, als die meisten wissen. Bald ist es 300 Jahre her, daß die Katalanen am 11. September 1714 nach der Belagerung und Kapitulation Barcelonas durch den Borbonen Philipp V all ihre Rechte als eigenständiges Volk verloren. Seitdem ist es ihr Ziel, diese auf dem friedlichen Weg zurückzuerobern. Dabei erreichten sie streckenweise staatsähnliche Befugnisse, erlitten aber auch viele Rückschläge, zuletzt unter dem faschistischen Diktator Francisco Franco, der Spanien zwischen 1939 und 1975 mit eiserner Faust regierte und sogar die katalanische Sprache per Dekret verbot. Man weiß ja, wie die stolzen Spanier sind: sie wollen bestimmen und dulden keine Konkurrenz an ihrer Seite. Heute verstecken sich genau die Politiker, die noch vor drei Jahren das Grundgesetz ‘bei Nacht und Nebel‘ änderten, um mit EU Geldern das Scheitern ihrer Politik verschleiern zu können, hinter Gesetzen und Paragrafen, um sich angesichts der Forderung von über 80 der Bürger im Land nach einer Volksbefragung, nicht dem Grundsatz jeder demokratischen Ordnung stellen zu müssen, nämlich dem Gang zu den Urnen.

Obwohl Spanien vor 35 Jahren offiziell zu einer Demokratie wurde, werden die Gesetze in Madrid selbst heute noch so gelesen und gemacht, wie die Zentralregierung sie braucht, um Katalonien, aber zum Beispiel nicht das Baskenland oder Navarra, weiterhin mit Abgaben zu erdrücken, sein Wachstum zu bremsen, oder um weder Land noch Leute mit seinen eigenen politischen und kulturellen Merkmalen anzuerkennen. Laufend werden den Katalanen Versprechungen gemacht, die danach nicht eingehalten werden, jüngst nahm man sich sogar vor, die katalanischen Kinder mehr zu ‘verspanischen’. Katalanische Gesetze, zum Beispiel zur Abschaffung des Stierkampfs, werden durch ranghöhere spanische Gesetze einfach wieder außer Kraft gesetzt, u.s.w. Die Liste der Erniedrigungen ist ellenlang. Dabei geht es längst nicht mehr um Solidarität oder, wie die Spanier es gerne darstellen, darum, daß die Katalanen nicht mehr bereit wären, die ärmeren Regionen Spaniens zu unterstützen. Es geht ganz einfach nur um das Protzen mit Macht.

Jetzt will das katalanische Volk engültig seine Zukunft in die eigenen Hände nehmen. Ich bin Kronzeuge dafür, daß es das über mehr als 35 Jahre mit allen demokratischen Mitteln versucht hat, die ihm zur Verfügung standen, ohne dabei irgend etwas zu zerbrechen. Leider immer vergebens. Heute will eine überragende Mehrheit der Katalanen ganz einfach darüber abstimmen, welche politische Form Ihr Land, auch im Verhältnis zu Spanien, annehmen soll. Es geht nicht darum, gegen Spanien sondern vor allem für Katalonien zu entscheiden. Um diese transparente, demokratische Befragung in Fried und Eintracht zu ermöglichen, hat jetzt das katalanische Parlament mit der Unterstützung von knapp 2/3 seiner Mitglieder eine Resolution an das Abgeordnetenhaus in Madrid geschickt, in der es den Weg für ein Referendum im Rahmen des Grundgesetzes aufzeigt und die Übertragung der Kompetenzen dafür beantragt. Sogar das Datum (9. November 2014) und die (Doppel-)Frage stehen schon fest: Wünschen Sie, daß Katalonien ein eigener Staat wird? Und wenn ja, wünschen Sie, daß es ein unabhängiger Staat wird?

Allerdings glaubt niemand, daß die Madrider Politiker dem Antrag stattgeben werden. Keiner von ihnen will als verantwortlich dafür in die Geschichte eingehen, dem Zerfall des Landes tatenlos zugesehen zu haben. Darum reiten sie nach wie vor auf einem autoritären, unbeugsamen Härtekurs herum und verteufeln alles, was den Hauch von Katalanismus hat. Bei ihrem Feldzug scheuen sie weder vor Lügen, noch vor Drohungen oder apokalyptischen Vorhersagen zurück. Einen schweren strategischen Fehler machen sie allerdings damit, die katalanischen Politiker als verantwortlich für die Entwicklung anzuprangern. Die haben nämlich nichts anderes getan, als sich an die Seite der Bürger zu stellen, die am 11. September 2012 mehr Freiheit und Selbstbestimmung forderten, bei einer der größten und friedlichsten Demonstrationen, die Europa je gesehen hat. Über 1,5 Millionen (immerhin 20 der Bevölkerung des ganzen Landes) gingen dafür in Barcelona auf die Straßen. Ein Jahr später organisierten knappe 2 Millionen eine Menschenkette, die die Katalanen von Nord nach Süd in diesem Verlangen vereinte.

Voller Neid schauen die Katalanen nach Schottland. Dort ist zwar die Unabhängigkeitsbewegung um Ministerpräsident Alex Salmond lange nicht so stark wie die katalanische, aber der Umgang mit dem ‚Problem‘ seitens der britischen Regierung ist ganz einfach wesentlich demokratischer, denn Premier James Cameron hat entschieden, die Schotten mit Argumenten davon zu überzeugen, im Vereinten Königreich zu bleiben und sich darum gegen eine Abstimmung nicht versperrt. Rajoy glaubt, sogar mit der Unterstützung der linken Opposition Spaniens, immer noch, daß er die Katalanen dazu zwingen kann, spanisch zu bleiben und ist damit verantwortlich dafür, dass die Anzahl der Bürger, die das Land in die eigenen Hände nehmen wollen, täglich wächst.

Kommentare (9) :

Kommentar von Thomas Mink 11.02.2014

Kommentar von Elke 11.02.2014

Kommentar von Thomas Spieker 17.02.2014

Kommentar von Mal ganz sachlich gesehen 24.02.2014

Kommentar von Carmen 25.02.2014

Kommentar von Gerborg Meyer 17.03.2014

Kommentar von Frank 18.03.2014

Kommentar von Raul Gallardo 09.06.2014

Kommentar von Raul Gallardo 09.06.2014

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