Kasse machen

04.08.2010 - Stefanie Claudia Müller - scm communication 

In jeder normalen Martkwirtschaft sinken die Preise in Krisenzeiten, damit der Konsum angekurbelt wird. In Spanien passiert gerade genau das Gegenteil. Das erklärt, warum es den großen spanischen Unternehmen wie Telefónica (Gewinnwachstum um über neun Prozent im ersten Halbjahr) und auch den größten Banken, BBVA und Santander, so gut geht. Den Banken sogar so gut, dass diese beim "Stresstest" unter den liquidesten rangieren und das, obwohl in ihrem Heimatmarkt 20 Prozent der aktiven Bevölkerung ohne Job sind. 

Natürlich werden diese Unternehmen und Banken gut gemanagt, aber gibt es auch eine Ethik, wie sie so gerne im katholischen Spanien an allen Business-Schulen und Seminaren gepredigt wird? Derzeit fallen spanische Großkonzerne vor allem durch schlechten Kundenservice und Preiserhöhungen auf. Telefónica entschuldigt sich für hohe Gebühren mit „Entschuldigung, aber die Wettbewerbsbehörde erlaubt uns nicht, die Preise zu senken.“ Das erklärt, warum meine Telefonrechnung stetig steigt statt sinkt wie es in anderen Ländern mit zunehmenden Wettbewerb passiert ist. Das erklärt, warum ich bei Telefónica 40 Euro für einen mittelmäßigen DSL-Anschluss bezahlen muss und für viele dubiose Dienste. Statt transparenter wird meine Telefonrechnung in Krisenzeiten immer schwieriger zu durchschauen.
 
Und das Verhalten der Banken hierzulande kann man schon als dreist bezeichnen. Es stimmt, dass sie die Krise meisterlich meistern und sicherlich ihre Risiken besser im Griff haben als manche deutsche Finanzinstitute. Aber sie kassieren auch deutlich mehr ab und keiner beschwert sich. Die Banco Santander wirbt frech mit 0 – Kontogebühren und erklärt dann in der Filiale dem Kunden, dass das nur gilt, wenn ein Gehalt aufs Konto kommt oder man jährlich in den Pensionsplan der Santander einzahlt. 

In meinem Fall wurde ich darüber nicht von meiner persönlichen Beraterin informiert, sie selber wußte auch gar nichts von der auf ein Jahr beschränkten Kondition und schien überrascht, dass man für eine Überweisung bei der Santander 3,50 Euro bezahlen muss. Selbst wer über Internet seine Überweisungen tätigt, bezahlt für jede Transaktion, wirkliche Abzockerei.
 
Erschreckend ist auch der Bildungsstand der Mitarbeiter der größten Bank Spaniens. Bei Investmentprodukten müssen sie vielfach zugeben, dass ihr Gegenüber wohl mehr weiß als sie selber. Schlimmer noch, dass sie ihre eigenen Produkte und das Kleingedruckte nicht kennen und die Kunden damit komplett falsch beraten. Es ist auffallend, dass sehr viel in Werbung und Sponsoring gesteckt wird, aber wohl nicht in die Ausbildung der Mitarbeiter, die teilweise noch nicht einmal wissen, warum der Euribor so wichtig ist für Geldanlagen.  

Opfer dieser unethischen Abzocke sind vor allem die Immigranten aus Osteuropa und Lateinamerika, von denen derzeit besonders viele keinen Job und deswegen finanzielle Probleme haben. Da sie normalweise  aber eine sehr große Zahlungsmoral besitzen, sind sie gern gesehene Kunden bei den Banken. So bekommen sie von der Santander derzeit ungefragt Kreditkarten zugeschickt. Für diese werden dann, obwohl nicht aktiviert, Gebühren kassiert. Bulgaren, Peruaner und Rumänen bekommen zudem Konsum-Kredite angeboten, deren Zinsen und Gebühren man durchaus als Wucher bezeichnen kann.
 
Aber kein Einzelfall. Bei der Banco Popular, drittgrößte Bank des Landes, werden derzeit mal eben 30 Euro kassiert, wenn das Konto wegen eines Einzugs überzogen wird, egal ob man diesen Service erbeten hat oder nicht und egal, wie hoch der Betrag im Minus ist, jedes Mal werden 30 Euro fällig. Und beim Geld abholen im gleichen Netz, aber nicht direkt bei der Hausbank, steigen die Gebühren scheinbar wöchentlich, übrigens bei fast allen Banken. Zwischen 1 und 2,50 Euro muss man zum Beispiel für das Abheben von 100 Euro bezahlen. Wenn man überlegt, wieviele Millionen Menschen täglich Geld abholen an bankfremden Automaten, dann bekommt man einen Eindruck, was für ein Geschäft dahinter steckt. Schon im vergangenen Jahr machten Kommissionen 25 Prozent der Gesamteinnahmen der Banken aus, die zweitgrößte Einnahmequelle nach Kreditzinsen.

Angesichts dieser großzügigen Handhabe mit Gebühren, wundert es nicht, dass es den spanischen Top-Banken immer noch gut geht, auch wenn sie viel weniger Kredite verkaufen und ihr Immobilienbestand wegen Pleite-Bauträgern Rekordhöhe erreicht. Vielleicht ist das alles aus unternehmerischer Sicht nachvollziehbar. Wenn sich keiner beschwert, dann kann man ja ruhig unethisch handeln. Es wundert mich nur, dass sich keiner beschwert. 

Warum schreien Konsumenten-Verbände, Gewerkschaften und die Links-Regierung nicht auf bei soviel offensichtlicher Abzocke? Vielleicht liegt es daran, dass sich die Abzocke zum Volkssport entwickelt hat. Ganz vorne die Regierung, die in Krisenzeiten die Steuern erhöht, die Gemeinden etc... Gestern wollte ich in ein öffentliches Schwimmbad und musste erfahren, dass dort der Entritt für Erwachsene seit Januar von 5 Euro auf 7 Euro erhöht wurde... Wer ein bisschen von Wirtschaft versteht, weiß, dass diese Rechnung zu Lasten der Haushalte langfristig nicht aufgehen kann.

Kommentare (9) :

Kommentar von Ro 07.08.2010

Kommentar von Carsten 10.08.2010

Kommentar von stefanie 10.08.2010

Kommentar von Carsten 11.08.2010

Kommentar von stefanie 14.08.2010

Kommentar von Hmkirdzo 18.08.2010

Kommentar von DJ 18.08.2010

Kommentar von Ben Hinsenkamp 18.08.2010

Kommentar von Anna 19.08.2010

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