Haufenweise Würstchen und ein paar klebrige Denkzettel

27.11.2012 -  

Chorizo, das ist die typisch rötliche Wurst, die auf einer Mixtur aus geschredderten bis pürierten Schweineteilen, Knoblauch und Paprikapulver basiert. Hauptsache, gut gewürzt und ohne erkennbare Augen, Borsten, Knochen oder größere Knorpelstücke. Je nach Variante kommt sie entweder kalt auf mein Brot oder wandert in den Eintopf und garantiert ein in unregelmäßigen Abständen aus den Körpertiefen wiederaufsteigendes Aroma. Chorizo bedeutet auf Spanisch aber auch Dieb oder Gauner. Und solch ungenießbare Würstchen wursteln sich in Überfülle durch die Politlandschaft, gänzlich unabhängig von Parteien, Funktionen, Geschlecht.
Verbreitet sind die gängigen Symptome, die quer durch National- und Lokalschichten höchste Ansteckungsgefahr verheißen: krankhafte Habgier, Verschleudersucht öffentlicher Gelder und ein ausgekochter Instinkt für alle Arten von Vorteilsnahme. Manchmal gesellt sich bei den Würstchen das Potenzial grobschlächtiger Beschränktheit hinzu, so wie beim Exbürgermeister des andalusischen Ortes Valverde del Camino, der aus Gemeindesäckeln eine Art Unterstützungsfonds für Betriebsstätten des Rotlichtmilieus unterhielt. Hormonelle Entlastungen in Sevilla pflegte er mit der Kreditkarte seines Rathauses zu begleichen, bedauerlicherweise kam sein Dreck am Stecken heraus.
Fern von Bewegungsübungen lag der Fall der Stadtverordneten Itziar G., denn die hauptberufliche, sattsam entlohnte Politikerin konnte sich vorübergehend nicht mehr so recht bewegen. Ein Sportunfall hatte sie eine Zeit außer Gefecht gesetzt, der Arzt sie krank geschrieben. Während ihrer monatelangen Rekonvaleszenz gab sie die Aufopferungsvolle, um in Pamplona an acht Sitzungen teilzunehmen, darunter denen der Wasserwerke, für die ihre Anwesenheit belanglos war. Der Zufall wollte, dass es für die Sitzungen beträchtliche Sitzungsgelder gab. Bei über zwanzig weiteren Sitzungsterminen zum Nulltarif ward Itziar G. zur Krankschreibungszeit nicht gesehen und saß die Kritik ihrer Gegnerschaft aus.
Spaniens Politikerinnen und Politiker arbeiten kontinuierlich und äußerst erfolgreich am Gesichtsverlust. Woher die sorgsam in Zeitungspapier gewickelten Scheine stammten, mit denen ein sozialistischer Exminister für 100.000 Euro in bar ein Pferd kaufte, blieb jedoch gleichermaßen folgenfrei wie die Angabe einer Kongressabgeordneten, die vorgab, gedacht zu haben, die offen gelegten tausend Euro Nebeneinkünfte wären pro Jahr gemeint gewesen. Dass sie weit mehr als diese pro Monat einstrich, war ein kleiner Irrtum, man kennt das, kann passieren. Und dass die Firma einer Senatorentochter für Kurse und Projektausarbeitungen über Jahre hinweg aus der Staatskasse Subventionen in sechsstelliger Höhe abzweigte, dürfte eher an den Konstellationen der Gestirne gelegen haben. Inhaltlich ging es um »wirtschaftliche Entwicklung«, wahrscheinlich die eigene.
»Spain is different«, lautete irgendwann ein Werbespruch. Dabei ging und geht es in Spanien nicht anders zu als andernorts, gekoppelt an einen doppelten Sättigungsgrad: gesättigt von Geld, aber dauergierig auf neues die Würstchen, gesättigt von Wut und Ohnmacht das Volk. Öfter habe ich bei Sozialprotesten Transparente mit der Aufschrift »No hay pan para tanto chorizo« gelesen. Wollte heißen: »Es gibt gar kein Brot für soviel Chorizo«, womit nicht die rötliche Wiederkehrwurst gemeint war. Und vor kurzem war ich in einem Stück der exzellenten katalanischen Kindertheatertruppe »La Pera Llimonera«, die sich nicht scheute, ein paar Happen Gesellschaftskritik für die anwesenden Eltern einzuschleusen: »Soviele Chorizos überall, dieses Land ist eine einzige Metzgerei.«
Zum Trost sei gesagt, dass es in dieser Großmetzgerei vereinzelt Würstchen an die Pelle gegangen ist, so wie einem einstigen Ministerpräsidenten der Balearen, dem das gnädige Schicksal weit unter Marktwert einen Prunkpalast in der Innenstadt von Palma de Mallorca zugespielt hatte. Leider flog das Ganze im Zuge von Korruptionsermittlungen auf. In seinen Kleiderschränken stießen Fahnder auf über eine Hundertschaft Anzüge, ansonsten registrierten sie acht Fernsehgeräte, Schmuck, Mobiliar, Markenuhren, Porzellan, Kunstwerke. Apropos Kunstwerk: Alleine der Wert einer herrenlosen Designerklobürste, Modell »Lulú«, wurde auf 350 Euro taxiert ...
Nehmen Politwutbürger die Sache selbst in die Hand, kommt es zum Eklat. Der kochenden Volksseele waren bei einer Versammlung drei leuchtweiße Sahnetorten zu danken, die – ganz wie zu Stummfilmzeiten von »Dick und Doof« – ihre Ziele durch beherztes Aufdrücken fanden: Haupt und Haar einer Regionalpräsidentin. Klebrige Denkzettel für ein zweibeiniges Stück Chorizo, persönlich fand ich es schade um die Torten. Kurz nach Amtsantritt hatte die Dame selbstherrlich das Projekt einer Schnellzugtrasse vorangetrieben und medienwirksam auf Diäten für anstehende Sitzungen bei Banken verzichtet, sich im Gegenzug aber ihr Gehalt um ein Drittel erhöht. Das Trio der Tortentäter war bald gefasst, ob es Hintermänner gab, nicht sofort klar. Ärztlicher oder geistlicher Beistand schien für das Opfer am Tatort nicht vonnöten. Da sich kein Freiwilliger zum Abschlecken fand, spülte sie das Zuckerbäckerwerk am nächsten Wasserhahn weg und sprach später am Rednerpult von einer »süßen Begrüßung«. Eine Politikerin mit Humor!? Nicht ganz. Im Nachhinein verglich sie die Aktion mit einem »terroristischen Akt« und verlangte wegen »Auflehnens gegen eine Autorität« nach jahrelangen Haftstrafen für die Schwerstkriminellen. Ich malte mir aus, wie Sondereinsatzkommandos der Polizei bei Hausdurchsuchungen auf Butter, Eier, Zucker, ein paar Pfund Mehl, Kochbücher und Rührstäbe stoßen würden. Genügend Verdachtsmaterial für weitere Attentate. Dabei waren die Torten nur gekauft.


Andreas Drouves
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