Fortbewegen in der Metropole: Taxis und öffentliche Transportmittel

30.10.2007 - Clementine Kügler - Übersetzerin 

Als die Taxifahrer neulich streikten aus Protest gegen die Ermordung eines Kollegen, fiel mir ein, dass das schon öfter vorgekommen ist, mit organisierten Protestfahrten und Verkehrskollaps inklusive. Natürlich ist der Mord zu verdammen, niemand wird da anderer Meinung sein. Aber eine Stadt wie Madrid lahmzulegen, indem zentrale Plätze blockiert werden und ein so wichtiger Service wie Taxi ausfällt, ist nicht gut.Die Frauen streiken nicht, weil 60 in diesem Jahr in Spanien von ihren Partnern ermordet wurden, die Kinder nicht, weil Ärzte ihre Krankheiten nicht erkennen. Die Bauarbeiter stellen ihre Arbeit nicht ein, obwohl sie der Berufszweig in Spanien sind, in dem die meisten Arbeitsunfälle geschehen. Niemand hindert die Taxifahrer, Trennwände einzurichten. Dass sie die Kosten nicht tragen wollen, darf nicht das Problem von Menschen sein, die in diesem Moment aus unterschiedlichen Gründen auf Taxis angewiesen sind.Als ich nach Madrid kam, fuhr ich viel Taxi, weil ich mich noch nicht auskannte und sie damals noch erstaunlich günstig waren. Die Gespräche waren interessant und die Sendungen der Cadena Cope, dem Sender der Bischofskonferenz, der gewohnheitsmäßig und ganz unchristlich Leute mit unflätigen Ausdrücken beschimpft, geben einen guten Einblick in die Toleranz der Spanier.Zu den schönen Erfahrungen gehören die Fahrer, die sich am nächsten Tag erinnern, wo man wohnt, und den Mantel, den man im Taxi vergessen hat, in den achten Stock bringen und persönlich übergeben. Oder die, die schnell und gescheit fahren und einen klug durch den Berufsverkehr bringen, diejenigen, denen man einen Umschlag mit Dokumenten oder Medikamenten anvertraute, um diesen am anderen Ende der Stadt zuverlässig abzuliefern.Aber es gibt auch die, die man per Telefon ruft und die, während man auf der Straße wartet, auf dem Anrufbeantworter der Festnetznummer zurückrufen, sie könnten leider nicht kommen - klar, das war in vorsintflutlichen, pardon: vorhandy-Zeiten. Da verpasst man fast das Flugzeug. Das hätte ich auch einmal fast verpasst, weil sich offensichtlich der Neffe Onkels Taxi geschnappt hat, um Geld zu verdienen, aber nicht wusste, wie er zum Flugplatz Barajas kommt - und ich das zu spät merkte.Ein Taxifahrer weigerte sich, uns von der Gran Vía zur Plaza Santa Ana zu fahren, nachdem wir schon eingestiegen und ein Stück in die Gegenrichtung gefahren waren. Plötzlich sagte er, das könnten wir doch schneller laufen, die Strecke wäre viel zu kurz, dann sagte er schlicht, er wäre bei seiner Mutter zum Essen eingeladen und schmiss uns raus.Eine Zeitlang hatten wir ein Auto, aber das Parken im verkehrsberuhigten Zentrum von Madrid ist so schwierig, dass sich manche Paare aufgrund der Erfahrung scheiden ließen. Wir haben einen Garagenplatz gemietet, der im Endeffekt so viel kostete wie die Wohnung, die zugegeben günstig war. Dann verzichteten wir auf das Auto.Für Reisen kann man bei Pepecars Mercedes A-Modelle mieten - die Autos, die bei den ersten Tests in der Kurve umfielen -, uns aber gut über die spanischen Landstraßen beförderten. Um sich in der Stadt fortzubewegen, bleiben Bus und Metro.Es dauert länger, sich mit den Buslinien zurecht zu finden, wenn man aber mal durchschaut hat, welchen Bus man nehmen muss, ist das ein gutes Transportmittel, weil man im Gegensatz zur Metro etwas sieht und - je nach Linie und Uhrzeit - nicht so eingeengt ist. Die Staus zur Weihnachtszeit lassen sich allerdings auch durch die Busspur nicht vermeiden, die ansonsten erstaunlich gut funktioniert.Gut funktioniert auch das System, per Handy den Code der Haltestellen einzugeben, um zu erfahren, wann der nächste Bus kommt. Das bietet sich vor allem im August an, wo man sich manchmal zu fragen beginnt, ob diese Strecke überhaupt noch befahren wird. Einzig negative Erfahrung bisher: ein Busfahrer verbot mir über Lautsprecher, in seinem Bus Kekse zu essen.Die U-Bahn hat ziemlich gut funktioniert, bevor sie ausgebaut wurde. In den letzten drei Jahren gibt es viele Verzögerungen, lange Wartezeiten, in denen sich die Waggons füllen und füllen, Klimaanlage geht in einem, im anderen nicht. Unerklärlich ist auch, dass einige renovierte Stationen wie Tribunal jetzt niedriger sind als zuvor. Schade, dass der Prinz von Asturien nicht zum Einweihen verpflichtet ist, er müsste in die Knie gehen.Und die Lautsprecherbeschallung mit Werbung oder Kurznachrichten auf den neuen U-Bahnhöfen, ist extrem störend, da sie oft viel zu laut und unsensibel die Leute mit Themen konfrontiert, die auf einem Bahnsteig nichts zu suchen haben.Nicht ganz einfach ist das System der Vorstädte: Regionalzüge und Regionalbusse funktionieren gut, sofern man im Berufsverkehr einen Platz bekommt. Auch hier erlaubt es die Busspur, viel schneller als im Privatauto befördert zu werden. Das erste Mal, als ich aus San Sebastián de los Reyes zurück ins Zentrum wollte, nahm mich der Autobusfahrer nicht mit, weil er meinen 20 Euro-Schein nicht wechseln konnte. Schickte mich raus zum Wechseln und war sofort weg.Ich ging weiter bis zur Station der Cercanías (Regionalzüge): kaufte ein Billet (hier konnte man wechseln), setzte mich in den Zug und geriet in eine Schlägerei zwischen zwei Frauen, die erst getrennt wurden, als andere Fahrgäste eingriffen. Aber das blieb die Ausnahme. Wenn man Kleingeld oder eine Monatskarte und eine Zeitung dabei hat, kann man sich auf die öffentlichen Verkehrsmittel verlassen und sie manchmal sogar genießen.

Kommentare (10) :

Kommentar von Carsten 31.10.2007

Kommentar von Alexandra Serrano 31.10.2007

Kommentar von clementine 31.10.2007

Kommentar von clementine 31.10.2007

Kommentar von Alexandra Serrano 31.10.2007

Kommentar von Sabine 01.11.2007

Kommentar von Daniel 02.11.2007

Kommentar von Alexandra 02.11.2007

Kommentar von Daniel 05.11.2007

Kommentar von Alexandra 05.11.2007

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