Ein deutscher Ridgeback in Madrid

17.10.2008 - Adriana Leidenberger- Dozentin 

Mir ging es wie meiner menschlichen Schwester – ich wurde nicht gefragt. Mich haben sie nach wochenlangem umräumen, ausräumen, einräumen, Kistenpacken – selbst in eine Kiste gepackt, im Kofferraum verstaut und vier Tage lang quer durch Europa in mein neues zu Hause gekarrt. Jetzt bin ich hier, in Madrid! Kaum habe ich mich an eine Menschensprache gewöhnt, das Chaos: ich verstehe nichts mehr. 

In unserer urbanisación spricht man Spanisch, Englisch, Schwedisch, Holländisch, Tschechisch und wer weiß was alles. Bei uns Vierbeinern ist das einfacher: Bellen, Knurren, Schwanzwedeln, Lefzenlecken, das ist überall gleich. Aber mein Hundeleben ist hier auch nicht mehr das, was es mal war. Zum Beispiel das Autofahren! Nicht, dass mir bei meinem Besitzer in Deutschland nicht auch schlecht geworden wäre und ich so manches Mal dachte, dass das Auto hinter uns versuchen wollte, zu mir in die Hundebox zu kriechen! 

Aber hier fahren wir ständig im Kreis! Mal links herum mal rechts herum, Viertelkreis, halber Kreis, dreiviertel Kreis und immer plärrt die Stimme aus dem Navigationsgerät: Im Kreisverkehr die erste-zweite-dritte… Abfahrt nehmen. Oder sie sagt „Bitte rechts halten“, worauf meine Besitzer fluchen: Ja welches rechts meint sie denn? Eine Antwort kriegen sie nie. Manchmal passiert nichts, des Öfteren aber fluchen sie weiter, weil es doch das falsche rechts war – nicht, dass ich wüsste was sie meinen. Aber dann kann ich mich schon darauf einstellen, dass meine Besitzer irgendwann stark bremsen, das Lenkrad herumreißen, ich mir den Kopf an der Box stoße und wir in die Richtung zurück fahren, aus der wir gerade gekommen sind.
 
Wenn ich Glück habe, hört dann das Fluchen und das Kopfstoßen zumindest für eine Weile auf. Und wenn wir dann da sind, wo auch immer das ist, sind wir meistens mitten in einer Menschenmenge, zwischen hohen Häusern, zwischen Bäumen oder auch am Meer. Da soll noch einer sagen, wir Hunde wären Rudeltiere! In Deutschland war das irgendwie anders. Die Menschenmengen gab es auch, aber es gab auch nette Spaziergänge im Wald, nur mein Rudel, ganz allein, vielleicht mit einer netten Begegnung mit anderen Vierbeinern, aber ganz relaxed… Ein bekannter deutscher Schäferhund, der eigentlich Madrilene ist, sagt, die Spanier können nicht alleine sein – ich glaube, da ist was dran! 

Und die Restaurants! In viele kommen wir gar nicht rein, sie wollen keine Hunde, auch nicht auf ihrer Terrasse. Nicht, dass mich das stören würde! Aber dann laufen wir von einem Restaurant zum nächsten, wo ich viel lieber in meinem Park eine Runde rennen würde! Und wenn wir uns dann endlich setzen dürfen, an einen der wenigen unbesetzten Tische, irgendwo am Rand, dann gibt es für mich meistens nicht einmal eine Schale Wasser!

Aber hier ist nicht alles schlechter als in Deutschland. Nehmen wir mal das Wetter. Ich bin schließlich ein afrikanischer Hund. Naja, ich gestehe, nicht ich selbst bin Afrikaner, aber meine Vorfahren kommen von dort, und da muss es ziemlich warm sein, denn ich friere leicht, und das musste ich in Deutschland ziemlich oft. Mein Lieblingsplatz dort war vor, wenn es ging auch unter der Heizung. Hier lege ich mich einfach auf die Terrasse! Und der Regen, der fehlt mich auch nicht! Mir reicht schon, wenn sie den Park unter Wasser setzen, mit ihren Sprinkleranlagen, und meine Pfoten im Matsch versinken. 

Ich bin eben kein Labrador und kein Retriever, die sich in jeder Pfütze wälzen müssen. Ekelhaft! Ich dachte, ich hätte meinen Besitzer einmal sagen hören, dass Spanien Wasserarm sei, ich kann das nicht glauben. Überall sind Pools, Fontänen, Sprinkleranlagen, wenigstens gibt es auch ein paar Brunnen für uns!
Schade nur, dass es hier inzwischen auch wieder angefangen hat zu regnen! Aber immerhin, die Zeit mit Sonne pur, war doch länger, als wir das von Deutschland her gewöhnt sind!

Von einem deutschen Ridgeback in Madrid

Kommentare (2) :

Kommentar von stefanie 18.10.2008

Kommentar von Anna-Sophie 06.11.2008

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