Deutscher Besuch in spanischen Gefilden

11.07.2010 - Dorothee Schmidt 

Die Temperaturen steigen, die spanische Sonne lacht. Das sind die ersten Anzeichen, womit sich deutscher Besuch bei mir in Spanien ankündigt. Mal abgesehen von den heißen Monaten Juli und August, wo sowieso alle waschechten Madrilenen fluchtartig die Stadt verlassen, ist der sonnenwillige Besucher aus Deutschland gern bereit, die Auswanderfreudigen in den spanischen Gefilden zu besuchen. Natürlich freut man sich über Besuch, besonders wenn man seine Lieben lange Zeit nicht gesehen hat. Da will man seine neue Stadt natürlich von der besten Seite zeigen, seine neuen Freunde präsentieren und eine tolle Zeit gemeinsam verbringen. Aber was bekommt der nicht-spanischsprechende Besuch eigentlich wirklichen von dem eigenen Leben hier in Spanien mit?

Mein spanischer Mitbewohner (der kein Englisch spricht, wie viele meiner Freunde hier) meinte, er fände es unfair, dass ich als anpassungsfähiger Guiri ja bereits seine Familie, seine Freunde und überhaupt sein Umfeld persönlich kenne, mir ein eigenes Bild zur jeweiligen Person oder Situation machen kann. Er jedoch müsse sich anhand meiner Übersetzungen, Erzählungen oder dem optischen Eindruck ein Bild meiner deutschen Freunde erschließen. Abgesehen davon, dass die fehlenden Englischkenntnisse nicht auf Seiten meines deutschen Besuchs bestehen, hat er gar nicht so unrecht, denn selbst ich fühle mich mit meinem Besuch als Tourist in meiner neuen Wahlheimatstadt.

Nicht nur aufgrund fehlender Kommunikationsmöglichkeiten oder den kulturellen Unterschieden, sondern ebenso wegen den nichtalltäglichen Aktivitäten befinde ich mich in einer Art Ausnahmezustand mit meinem deutschen Besuch. Plötzlich scheint alles gar nicht mehr so toll, wie man es der Familie am Telefon beschrieben hat. Das Wetter spielt nicht mit und die von mir gerühmte spanische Freundlichkeit auch nicht.

Man landet mit dem Besuch automatisch auf den Terrassen mit den unhöflichsten Kellnern der Stadt, die auch gar nicht höflich sein müssen, da ja sowieso jeden Tag neue Touris kommen. Man schiebt sich durch die vollen Straßen mit einer Menge anderer Touristen und den touristengeprobten Dieben, die es ganz speziell auf meinen deutschen Besuch abgesehen haben. Natürlich bleibt da der erste Eindruck, dass meine ach so liebgewonnene neue Stadt nicht wirklich alltagstauglich ist. Naja da versucht man dann, seinen Besuch mit Worten und Erklärungen vom Gegenteil oder besser gesagt von den schönen Dingen vor Ort zu überzeugen. Nicht einfach!

Da erzähle ich zum Beispiel, wie toll es ist, in eine typisch spanische Bar zu gehen, wo sich bereits tausend andere Spanier befinden, die sich auf gut 20 Quadratmetern im Körperkontakthalten üben, wo man seinen Müll einfach auf den Boden werfen kann und sich eine Lautstärke entwickelt, die man in Deutschland höchstens bei einer gutlaufenden Demonstration erlebt, wo man sich stehend einreiht, weil man ja sonst den Ellbogen des Nachbarn direkt im Auge hat und sich sowieso nach zwei drei Cañas in die nächste übervolle Bar drückt. Mein Besuch findet dieses typische spanische Weggehen eher anstrengend und will eine Sitzgelegenheit, natürlich wieder am liebsten in den teuren Cafés auf dem Plaza Mayor, wo ich sonst nie hingehe.

Ich hinterlasse ein falsches Bild. Denn NEIN ich esse keine Churros mit dickflüssiger Schokolade (ich zeige es nur, weil es doch so typisch ist), NEIN ich dränge mich nicht jeden Tag durch die Menschenmassen im Zentrum (nur in die vollen Bars, in die mein deutscher Besuch selten möchte) und NEIN mit meinen spanischen Freunden gehe ich nicht Salsa tanzen (nur zum Zeigen für den deutschen Besuch, weil es doch so [stereo]typisch ist).

Gerne würde ich meinen Lieben in Deutschland verständlich machen können, was so toll an meiner neuen Wahlheimtstadt, meinen Freunden und allem hier ist. Aber meine Versuche scheitern immer wieder. Es versteht wohl niemand so richtig, was mich an dieser lauten, luftverschmutzten, heißen Stadt so anzieht. Aber eigentlich ist das ja auch egal...Hauptsache, sie kommen noch mal wieder, mich besuchen. Denn ohne Besuch ist der Auslandsaufenthalt nur halb so schön..

Kommentare (5) :

Kommentar von Carsten 14.07.2010

Kommentar von helmut-harald.net 14.07.2010

Kommentar von HANS-JUERGEN DOBBERTIN 21.07.2010

Kommentar von Katrin 22.07.2010

Kommentar von barbara 03.08.2010

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