Das kommt mir Spanisch vor

25.04.2009 - Stefanie Claudia Müller 

Ich liebe Spanien, aber manchmal kommt mir auch nach sovielen Jahren einiges noch immer spanisch vor. Wie zum Beispiel der stetig wachsende Hype um zweisprachige Schulen. Ist ja gut, dass die Familien erkannt haben, dass Fremdsprachen wichtig sind in einer globalen Welt, aber die Schulwahl und die enormen finanziellen Opfer, die Eltern hier für die Schulerziehung ihrer Kinder auf sich nehmen und die Qualen, die ihre Kinder oft durch den enormen Leistungsdruck erleiden müssen, stehen meiner Meinung nach vielfach in keiner Relation mehr zu der eigentlichen guten Absicht. 

Ich kann Eltern nicht verstehen, die nichts mit Deutschland zu tun haben und ihre Kinder an die Deutsche Schule schicken, genauso wenig verstehe ich, dass viele bereit sind, im Monat bis zu 1 000 Euro pro Kind für eine zweisprachige Schule englisch-spanisch zu bezahlen, ohne dass sie sicher sein können, dass ihr Kind wirklich zweisprachig die Schule verläßt. Viele folgen einfach der Masse, schicken ihre Kinder ins SEK oder welche scheinbar internationale Schule auch immer und hoffen, dass nach einer Investition von rund 55 000 Euro pro Kind, dieses dann mit 18 Jahren sprachbegabt ist. Diese Rechnung geht aber häufig nicht auf, weil die Kinder abgesehen von der Schule nichts mit England, den USA oder anderen angelsächsischen Ländern oder Kulturen zu tun haben, sie wieder in ihrem spanischen Umfeld leben und vielfach die Sprachen an den Schulen auch nicht von Muttersprachlern gelehrt werden, auch wenn man viel Geld bezahlt.  Aber irgendwie scheint Liebe blind zu machen.
 
Konkretes Beispiel: Vor rund einem Monat bekomme ich von der Elternversammlung der öffentlichen spanischen Schule, wo meine Kinder hingehen, eine mail, dass wir jetzt bald ein Trinity College um die Ecke haben werden, "bilingüe, con piscina, pista de paddel", alles sehr wichtige Dinge. Und dann sei es auch noch concertado, also halb öffentlich und damit billig. Nach ein bisschen Recherche erfahre ich jedoch, dass es immer noch 350 Euro kostet im Monat, soviel wie die Deutsche Schule in Madrid – immerhin eine der besten des Landes. Die Unterrichtszeit von 9 bis 17 Uhr im Trinity College scheint mir gut für arbeitende Eltern, aber Kinder acht Stunden am Tag von anderen erziehen zu lassen, erfordert doch eine genaue Kenntnis über das pädagogische Konzept. 

Nachdem ich schon zahlreiche Anrufe von besorgten Müttern aus der Klasse meiner Tochter bekommen hatte, die mich indirekt aufforderten, meine Tochter auch im Trinity anzumelden, da sie sonst allein in ihrer Klasse an der kleinen süßen öffentlichen Schule bleiben würde, mach ich mich auf den Weg ins Verkaufsbüro von Trinity. Im Ohr klingt: "Unsere kleine öffentliche Schule ist viel besser, aber wenn alle jetzt ins Trinity gehen, dann müssen wir auch gehen." Mein Sohn schwärmt: "Es gibt Schwimmbad und Tennisplätze." 
 
Mich interessieren die Installationen weniger, ich will wissen, was für einen Lehrplan, die Schule verfolgt. Aber da sind die Damen und Herren im Verkaufsbüro etwas überfordert. “Steht ja alles im Prospekt”, ist die müde Antwort der Frau hinterm Schreibtisch, die heute schon Dutzende von Leute empfangen hat, viele haben sich direkt angemeldet für das nächste Schuljahr, ohne mit der Wimper zu zucken. 

Die Hochglanz-Broschüre hat sie voll überzeugt. Dort wird auch angekündigt, dass es Chinesisch als zweite Fremdsprache gibt. “Ja, aber das muss gesondert bezahlt werden”, erfahre ich dann. In der Broschüre steht das nicht, genauso wenig, wie die Tatsache, dass das Trinity College nichts mit dem Trinity College in London  zu tun hat und selbst wenig mit der Privatschule gleichen Namens im Süden von Madrid, obwohl in der Werbung auf diese verwiesen wird. "Das ist halt eine Privatschule und wir sind ja concertado", die Frau hinterm Schreibtisch ist sichtlich genervt von meinen kritischen Fragen.

Hinter der Schule im Norden der Stadt steht also, wie ich erfahre, ein spanisches Unternehmen und Trinity ist auch nicht wirklich zweisprachig, nur Sport, Kunst und Sachkunde werden in Englisch unterrichtet, also richtig wichtige Fächer, wo viel geredet wird. Na, ja und Muttersprachler seien natürlich auch nicht alle, aber darauf käme es ja auch nicht an, sondern auf die Art und Weise, wie Englisch unterrichtet wird. Dann kann man sich schon vorstellen, mit welchen tollen Kenntnissen die Kinder, die übrigens die letzten zwei Jahre der Ausbildung als Privatschule, das heißt mindestens zum doppelten Preis, genießen dürfen, in die globale Welt entlassen werden. Ich frag mich nach dem Gespräch mit der Trinity-Frau, ob es nicht sinnvoller und billiger wäre, wenn die Spanier ihre Kinder jeden Sommer in englische Familien schicken würden oder ein englischsprachiges Au-Pair zuhause hätten, sie mehr englische Musik hören, Bücher lesen würden. 
  
Manchmal hat man den Eindruck, dass manche Spanier Schulausbildung wie pisos vom Plan kaufen, verwunderlich, dass sich das auch angesichts der schlechten wirtschaftlichen Lage scheinbar nicht geändert hat. Und apropo pisos, der Bau des Trinity-Schulgebäudes hat übrigens noch nicht begonnen und im September soll schon die Grundschule starten. Von Container-Unterricht ist schon die Rede..Aber irgendwie scheint das nur mich zu beunruhigen..”Alle concertados und Privatschulen in Spanien sind so, das sind negocios”, höre ich. Na, Hauptsache bilingüe...Ich finde es sehr schade, dass damit die kleine öffentliche Schule kaputt gemacht wird, nur damit einige Leute ein Geschäft machen...

Kommentare (4) :

Kommentar von Barbara 28.04.2009

Kommentar von Rosa 28.04.2009

Kommentar von Martin 29.04.2009

Kommentar von Raúl 03.05.2009

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