Quo Vadis Tourismus in Barcelona?

14.07.2015 - Rafa Heberling 

BU Tourismus auf Abwegen: massive Besuchergruppen, meist von Kreuzfahrtschiffen, haben aus dem einst schönsten Frische-Markt Europas in kürzester Zeit eine Fressbuden- und Smoothie-Kirmes gemacht.

Jeder, der hier in der Altstadt von Barcelona wohnt, nörgelt langsam über den ausufernden Tourismus durch gigantische Gruppen um die 50 Personen und mehr, die einem auf dem täglichen Weg zur Arbeit im Weg stehen. Die zahlreichen Junggesellen-Abschiede, die einem in ihren absurden Kostümen vor die Füße kotzen, die Menschenmassen, die sich nur wie ferngesteuerte Zombies über die ohnedies engen Gänge der Märkte bewegen und als "Seh-Leute" eher den Handel behindern, denn ihm nutzen: sie gucken ja nur und kaufen nichts.

Dabei wollte man den Ballermann-Effekt doch vermeiden. Aber des nachts Ruhe finden? im Barri Gotic, Borne, Raval oder Barceloneta kaum möglich. Hier haben sich schon Bürgerinitiativen gegen den Tourismus gebildet.  Dabei sind es selten die Ausländer, die dort gröhlen. Das aber scheint den Katalanen gar nicht klar zu sein. Irgendwann lernen die Kinder auf der iberischen Halbinsel wohl, dass der recht hat, der am lautesten schreit. Ein paar glas Alkohol und schon gröhlt der geneigte Raucher, der ja nicht mehr drinnen sein kann, um die Artgenossen zu übertönen. Gut, bei den Gästen britischer Herkunft ist dieses Spiel scheinbar auch sehr beliebt. Die Italiener, Belgier, Niederländer oder Deutschen sind hier offenbar zurückhaltender erzogen worden – oder nicht ganz so besoffen.

Barcelona braucht den Tourismus. Allein im vergangenen Jahr kamen 7,5 Millionen Gäste in die Partnerstadt Kölns. Die Hotels zählten alleine nach Angaben von Gay de Liébana in der Internetzeitung "E-Konomia" 22,2 Millionen Übernachtungen im vergangenen Jahr. Dabei schlagen die vielen Kurzgäste aus den Kreuzfahrtschiffen, die abends wieder ablegen oder die Kurzgäste der Billigflieger, die die Nacht durchfeiern und am nächsten Morgen zurückfliegen gar nicht zu Buche. 9.600 "legale" Touristen-Apartments sind registriert, 68.000 AirB&B und ähnlich gestaltete Übernachtungsmöglichkeiten, 377 Hotels sind in der Stadt und beherbergen hochwertigere Gäste, die mit Events, Konzerten, Messeveranstaltungen und Museums-Besuchen ihr Geld in der Stadt lassen, Einnahmen und Arbeitsplätze sichern.

Laut Ramón Suñé von der Tageszeitung "La Vanguardia" sind drei von vier Touristen, die hier Eintrittskarten für die Museen kaufen. Davon fallen allerdings nur winzige 2,7% auf innerspanische Besucher. Der Rest kommt aus Frankreich, Deutschland, Italien, Groß Britannien und Russland. Drei von vier Hotelgästen in Barcelona sind keine Spanier. Die Museen Castell de Montjuϊc, Picasso oder Fundació Miró profitieren zu über 80% von ausländischen Besuchern, das Fussball-Museum Camp Nou zu 85% und über 75% der 3.260.880 Besucher der Sagrada Familia im Jahr 2014 kamen aus dem Ausland. Für alle diese Besucher, die die Wirtschaft in Barcelona stärken, braucht es Übernachtungsmöglichkeiten. Und auch Restaurants, Souvenier-Shops, in denen Geld - auch für das Stadtsäckel- produziert wird.

Die Frage bleibt natürlich, was man mit den Massen von Kurzbesuchern von den Kreuzfahrtschiffen macht oder den Junggesellen-Abschieden, die mal für eine Nacht ohne Hotel oder ähnliche Übernachtung nach Barcelona kommen. Das Verbot, nach 22.00 Uhr Alkohol im Supermarkt zu verkaufen, hat offenbar nicht viel gebracht. Ausser illegalen Händlern, die die Abwässer Kloaken oder Abfall-Eimer als Verstecke für ihre Bierdosen nutzen. Es scheinen ja auch eher die Raucher vor den Kneipen zu sein, aus denen einige das Stimmengewirr übertönen wollen oder es sind die illegalen Strassenmusiker, die schon zum sechzigsten Male "La Paloma" fiedeln.

Lassen diese Art Touristen so viel Geld in der Stadt wie Hotel Gäste, die Museen und Theater besuchen und auch noch in Restaurants statt auf der Straße trinken?

Wie dem auch sei: Touristen-Projekte sind laut Gay de Liébana von "E-Konomia" durch die neue Bürgermeisterin Ada Colau gestoppt. Es gibt keine weiteren Lizenzen für Touristen Apartments oder gar Hotels. Die 33 Projekte, die bei ihrer Amtsübernahme in Progress waren, sind gestoppt. Darunter ambitionierte ausländische Investitionen wie die der Hyatt-Gruppe, die im Torre Agbar ein Luxus-Hotel installieren wollten. Die Deutsche Bank an der Diagonal hatte ähnliches vor oder auch im alten Henkel-Building an der C/ Corçega sollten neue Luxus-Hotelplätze entstehen. Sie sind gestoppt. Werden diese Unternehmen jetzt woanders investieren?

Barcelona ist auf Platz 3 unter den meistbesuchten Städten Euopas. Bleibt es so, wenn man in Barceloneta nur noch die Nachbarn aus Manchester trifft? Statt der Nachkommen der Fischer und Hafen-Arbeiter, die mal den Charme des Viertels ausmachten.

Der Boquería Markt, der inzwischen mehr Touristen-Smothies als frisches Gemüse oder Fisch verkauft, hat schon reagiert: Gruppen von mehr als 15 Personen ist der Zutritt nicht mehr gestattet. Man versucht so den alten Charme wieder zu erlangen, für den die Besucher eigentlich gekommen sind. Doch will das gelingen? Die Gruppen teilen sich eben auf und treffen sich 10 Min. später dann wieder am Bus. Dadurch bleibt nur noch weniger Geld bei den Händlern.

Fakt bleibt, dass der Tourismus eine Haupt Einnahmequelle für Barcelona darstellt. Ohne ihn wäre hier Manches gewiss weniger interessant, weil schlichtweg nicht finanzierbar.

Doch wie kann man die alten Nachbarschaften erhalten und vor den Spekulanten schützen und dabei gleichzeitig mehr Touristen in die Stadt holen, die auch für Wirtschaftskraft und nicht nur für nächtliche Ruhestörung sorgen?

Ein brodelnder Sumpf, über dem die neue Bürgermeisterin Ada Colau gerade einen Spagat versucht.

Kommentare (1) :

Kommentar von Daniel am 27.08.2015

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