Nach dem Essen sollst Du ruh’n…: Steht die spanische Siesta vor dem Ende?

08.04.2016 - Meike von Lojewski / Madrid und Barcelona für Deutsche 

Spanien schlachtet eine heilige Kuh: die Siesta soll abgeschafft werden! Die Siesta - der traditionelle spanische Mittagsschlaf, den man typischerweise nach dem Mittagessen gern für ein paar Stündchen geniesst und der daher auch mal bis 17 Uhr dauern kann! Viele Iberer können sich ein Leben ohne ihre gemütliche Mittagspause gar nicht vorstellen, reicht deren Ursprung doch bis zum Spanischen Bürgerkrieg von 1936 bis 1939 zurück. In der Kriegszeit brauchten viele Spanier zwei Jobs, um die Familie ernähren zu können: einen morgens und einen nachmittags. Da entstand die Gepflogenheit, dazwischen eine spätere und längere Essens- und Ruhepause einzulegen.

 

Und dies soll nun Geschichte sein? So will es zumindest die spanische Regierung, die erkannt hat, dass die spanische Gewohnheit nicht mehr zeitgemäss ist und sich vor allem die Arbeitswelt dem restlichen Europa anpassen muss, wenn sie wirtschaftlich mithalten möchte. Wenn es um geleistete Arbeitsstunden geht, muss sich Spanien zwar nicht verstecken: 1.666 Stunden arbeiten die Iberer laut OECD pro Jahr im Durchschnitt, was rund 240 Stunden mehr als in Deutschland sind. Blickt man jedoch auf das Produktivitätsniveau, hinken sie deutlich hinterher: Statt wie in Deutschland fast 60 US-Dollar, erwirtschaften sie lediglich 50 US-Dollar pro Arbeitsstunde.

 

Einen Hauptgrund dafür sehen Arbeitsmediziner in dem zerrissenen Arbeitstag der Spanier, der sich durch die Siesta noch zusätzlich in die Länge zieht. Die Angestellten kommen zwar meist wie im restlichen Europa am Morgen früh zur Arbeit, doch wegen der mehrstündigen Pause sind sie erst gegen 21 Uhr zu Hause. Ins Bett gehen sie vor allem aufgrund des angepassten, späten Fernsehprogramms wiederum erst nach Mitternacht - was dazu führt, dass Spanier im Schnitt rund eine Stunde pro Tag weniger schlafen als andere Nationen und von Medizinern als “müdestes Volk Europas” bezeichnet werden.

 

Die “Vereinigung zur Rationalisierung der spanischen Arbeitszeiten“ (Arhoe), in der sich Wissenschaftler und Unternehmer engagieren, kämpft seit zehn Jahren für einen gesünderen Tagesablauf. Die Experten fordern eine “Revolution“ des Lebensstils und einen Abschied von den langen Arbeits- und späten Essenszeiten - bisher vergeblich. Doch nun ist dies auch Thema im Wahlkampf geworden. Die Abschaffung der Siesta ist Teil des “Pakts der 200 Reformen”, den die Sozialisten (PSOE) zusammen mit der liberalen Partei Ciudadanos bereits im Februar verabschiedet hatte. Auch der konservative Ministerpräsident Mariano Rajoy nahm den Punkt nun auf: Der Arbeitstag der Spanier soll künftig um 18 Uhr enden. Auch über einen Wechsel Spaniens in die Westeuropäische Zeitzone (wie Portugal und Grossbritannien) wird diskutiert. Dies hätte zur Folge, dass es abends eher dunkel würde und die Spanier - so die Arhoe - nicht länger “mit der falschen Uhrzeit” lebten.

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