HINTERGRUND: Spanien anders erleben

27.11.2008 - Susanne Merz 

Als ich den 23-Jährigen Tomek zum ersten Mal treffe, sitzt er mit zwei seiner Freunde in der Altstadt Barcelonas vor einer Bar auf dem Boden und trinkt Dosenbier vom Pakistani. Alle drei kommen aus Österreich. Kleine, wache, blaue Augen gehören zu dem großen, schlaksigen Wiener mit Vollbart und Glatze. Mit seinem zwei Meter langen verpackten Feuerstab könnte man ihn für einen Schäfer halten, der gerade vom Schafe hüten aus den Bergen herabgestiegen ist. Thermohosen und Wanderschuhe vervollständigen dieses Bild.

Vor einer Woche ist Tomek in Barcelona angekommen und ist einige Tage bei seinen Bekannten untergekommen, bevor seine große Reise losgeht. Zwei Jahre lang möchte er mit dem Fahrrad unter anderem Spanien erkunden. Von Barcelona geht es los, bis nach Madrid und von dort aus weiter nach Granada. Dort möchte er dann drei Monate bleiben und in einer Jugendherberge arbeiten. Fortbewegen wird er sich mit insgesamt 20 Kilo Gepäck, die sich hauptsächlich auf dem Gepäckträger sammeln.

Zwei Seitentaschen sind daran befestigt und der Rucksack wird ebenfalls hier festgeschnallt. Finanzieren wird Tomek seine Reise mit gespartem Geld und mit seinem Feuerstab, mit dem er auf der Straße auftreten wird. Ein Feuerstab ist ein zirka 1,80 Meter langer Stab, der an beiden Enden mit Hilfe von Benzin angezündet wird und mit dem Tomek jongliert.

Eigentlich befindet er sich gerade in der Endphase der Matura (österreichisches Abitur), aber Fahrradfahren schien ihm erst einmal wichtiger. Wenn er von seinen Problemen erzählt, sich in der Gesellschaft anzupassen und sein Blick dabei in die Ferne schweift, kann man sich nicht gegen den Gedanken wehren, dass er auf der Suche ist. Auf der Suche nach seinem Platz in dieser Welt. So bezeichnet er selbst dieses Abenteuer als „Reifeprüfung“ und die letzten zwei Jahre in der Schule als „emotionale Eiszeit“. Schlafen wird er in seinem Zelt und möchte auch Couchsurfen ausprobieren. Beim Couchsurfen nimmt man über ein Internet-Portal Kontakt zu Einwohnern der Stadt auf, die einen Schlafplatz in ihrer Wohnung anbieten.

Eine direkte Route hat Tomek nicht geplant, sondern möchte sich eher intuitiv leiten lassen und warten, was so alles passieren wird. Auch die Landessprache möchte er lernen, so dass er ein Spanischbuch mitgenommen hat, das in kalten Zeltnächten für Abwechslung sorgen wird.

Die Reise durch Spanien sieht er als Vorbereitung für ein zweijährige Reise, die ihn auf dem Fahrrad durch den Iran, die Türkei und Pakistan bis nach Indien führen soll. Die Matura möchte er auch irgendwann beenden und nach seinen Reisen eventuell Kulturwissenschaften studieren. Seine Eltern beschreibt er als „nicht besonders begeistert“ und erzählt, dass diese seine Pläne als „Fluchtverhalten“ bezeichnen, dennoch unterstützen sie Tomek soweit es möglich ist. Den beiden ausgebildeten Ärzten wäre eine andere Lebensplanung ihres Sohnes sicherlich lieber gewesen, doch ändern können sie es auch nicht.

Eigentlich wollte Tomek an diesem Mittag weiterfahren, doch er erwartet noch ein Päckchen von zuhause, das ihm unter anderem seinen MP3-Player bringt. Vollständig wird er demnach doch nicht aus der Gesellschaft aussteigen, da ihm seine Musik zu sehr fehlen würde. Vermissen wird er auch seine Freunde, die er in Österreich hinter sich lässt - aber seine Neugier und Abenteuerlust überwiegen.

Bevor wir uns verabschieden und Tomeks großes Abenteuer beginnt, bepacken wir noch gemeinsam sein Rad. Etwas wackelig erscheint die Konstruktion dann doch und als der Rucksack zusätzlich zu den beiden Seitentaschen noch auf den Gepäckträger geschnallt wird, erwachen bei mir leise Zweifel, ob sie Hunderte von Kilometern durchhalten wird. Dennoch wünsche ich Tomek, dass er seinen Traum ohne größere Probleme verwirklichen kann. Gespannt darauf wie sine Reise verlaufen wird, verabschieden wir uns und Tomek und sein Fahrrad machen sich auf die große, weite Welt zu erkunden.

Kommentare (0) :

Artikel kommentieren
Artikel-Archiv
  • 16.04.2019 [Kommentare: 0]

    Streik in Spanien: Flugchaos zu Ostern

    Streiks in Spanien drohen Flughäfen lahm zu legen. Zu Ostern soll an allen von der Betreibergesellschaft Aena gemanagten spanischen Flughäfen gestreikt werden. Bis zu 5 Millionen Passagiere wären betroffen. Im April drohen 60.000 Mitarbeiter der Gepäckabfertigung, das Sicherheitspersonal am Flughafen Madrid und die Piloten der Airline.. Artikel weiterlesen

  • 05.03.2019 [Kommentare: 0]

    Das Año Lorca - Madrid feiert das 100-jährige Jubiläum

    Año Lorca. Mit dem “Año Lorca” feiert Madrid dieses Jahr die Ankunft des Poeten Federico García Lorca in der Hauptstadt mit insgesamt 20 kulturellen Veranstaltungen. Vor 100 Jahren kam der wohl bekannteste Poet Spaniens nach Madrid. Der Lyriker und Dramatiker gehörte der Generación del 27 an und trug bedeutend zur Modernisierung des .. Artikel weiterlesen

  • 15.02.2019 [Kommentare: 0]

    Die 10 schönsten Orte, um die Mandelblüte in Spanien zu erleben

    Nach den Vereinigten Staaten ist Spanien der zweitgrößte Mandelproduzent weltweit. Gerade jetzt, am Anfang des Jahres, blühen die Täler und Wiesen Spaniens in strahlenden Weiß auf. Das Land bietet eine Vielzahl schöner Orte, an denen man das Spektakel der Mandelblüte bewundern kann. Wir möchten ihnen ein paar davon vorstellen. 1. Parqu.. Artikel weiterlesen

  • 11.02.2019 [Kommentare: 0]

    Auf die Plätze, fertig – los! Wettläufe in Barcelona 2019, die Sie nicht verpassen sollten!

    Wer zu dieser Zeit des Jahres seinen guten Neujahrsvorsätze noch treu ist, hat irgendetwas richtig gemacht! Barcelona macht es allen leicht, die sich vorgenommen haben dieses Jahr mehr Sport zu treiben und wartet mit einem breiten Angebot an verschiedenen Läufen auf. Von Spendenläufen bis hin zu Halbmarathons und Marathons ist alles dabei.. Artikel weiterlesen

  • 04.02.2019 [Kommentare: 0]

    Ab in den Schnee! - Skigebiete in der Umgebung von Barcelona – Teil 2

    Die beiden größten und auch am meisten besuchten Skistationen sind Masella und La Molina. Beide befinden sich in der Cerdanya, einem weiten Hochtal in den östlichen Pyrenäen. Sie bieten eine große Variabilität an Pisten und Sportarten. Von Barcelona aus sind sie über den Túnel de Cadí oder auch über die Callada de Toses in weniger als 2.. Artikel weiterlesen

  • 22.01.2019 [Kommentare: 0]

    Bedeutende Frauen Spaniens – Teil 5: Agustina de Aragón

    Während der napoleonischen Besatzungszeit kämpfte sie zunächst als Zivilistin, später wurde sie in die spanische Armee aufgenommen und sogar zum Leutnant ernannt. Agustina de Aragón war nicht nur eine der bedeutendsten Heldinnen des 19. Jahrhunderts, sie wurde auch zur Symbolfigur des spanischen Freiheitskampfes. Dank ihres Mutes, ihrer.. Artikel weiterlesen

  • 21.01.2019 [Kommentare: 0]

    Heben Sie ab – Höhenflug im Windtunnel

    Für alle, die gerne einmal das Gefühl des Fliegens auskosten wollen, sich aber nicht trauen aus einem Flugzeug in Tausenden Metern Höhe zu springen: Windkanäle sind die perfekte Alternative! Wer hatte noch nicht den Traum wie ein Vogel durch die Lüfte zu fliegen und die Welt von oben zu sehen? Eine andere Perspektive zu erleben und die.. Artikel weiterlesen

  • 14.01.2019 [Kommentare: 0]

    TEIL 1: Ab in den Schnee! - Skigebiete in der Umgebung von Barcelona

    Um der Großstadt Barcelona für einen kurzen Winterurlaub zu entkommen, braucht man nur weniger als zwei Stunden. Eine gute Nachricht für alle Ski- und Snowboard – Begeisterten!Welche Skigebiete gibt es also in der Umgebung von Barcelona? Was bieten sie und was zeichnet jedes einzelne von ihnen aus?Vall de Núria.Das Vall de Núria ist mit .. Artikel weiterlesen

  • 21.12.2018 [Kommentare: 0]

    El Pregonero, der Stadtschreiber

    Zuerst ertönte das Horn, gefolgt von einem lauten Ausruf: “Se hace sabeeeerrr....”. Manch einer älterer Generation kann sich sicherlich noch an diese Figur erinnern: der Stadtschreier. Er war der öffentliche Beamte, der die Bevölkerung auf dem Dorfplatz versammelte und die neuesten Nachrichten und Ereignisse verkündete. Informationen.. Artikel weiterlesen

  • 12.11.2018 [Kommentare: 0]

    Geschichte: Von der Steinzeit zum westgotischen Königtum. Teil 2

    Hispania unter den Römern. Der heutige Namen Spaniens leitet sich von der römischen Bezeichnung „Hispania“ ab. Nach einer langwierigen Eroberungsphase, die durch erbitterte Widerstände der eingeborenen Völker – ausgehend von der Stadt Numantia – gekennzeichnet war, konnten sich die Römer ab 19 n. Chr. auf der iberischen Halbinsel.. Artikel weiterlesen