Wer nicht weint, verhungert, oder doch nicht?

31.05.2009 - Clementine Kügler 

Krise hier und Krise da, die Krise ist an allem Schuld. Das Krisengejammer geht auf die Nerven und trägt nicht zur Besserung der Situation bei. Viel eher tun das Initiativen, die mutig gestartet werden und dann auch Früchte tragen. Handeln statt Jammern, sagten sich die Organisatoren der Madridfoto, einer Messe für Fotografie, die im Mai erstmals in Madrid stattfand und besser lief als zu erwarten war. Mit Fotografie lässt es sich – so sahen sich viele Galeristen bestätigt – nicht schlecht handeln. Die Boutiquen im Barrio de Salamanca haben ein Wochenende Ausverkauf gestartet, um das Geschäft anzukurbeln. Der Markt von San Miguel an der Plaza Mayor hat sich auf Delikatessen für Gourmets spezialisiert. Messe und Markt waren von längerer Hand vorbereitet, aber sie wurden nicht abgesagt und sind in diesem Sinne konjunkturkonträre Initiativen.

Das sind nun alles Dinge, die nicht so wichtig sind und nur Leute mit ohnehin hoher Kaufkraft erfreuen. Wie sieht es auf dem normalen Markt aus? Die Qualität lässt nach. Die Preise können nicht erhöht werden, die Leute kaufen so schon weniger und bewusster, da muss die eine oder andere gammelige Frucht mit in die Tüte. So scheint es. Ähnlich sieht es in den einfachen Restaurants aus. Die Preise bleiben gleich, aber die Portionen werden kleiner und angesichts einiger Fälle von Unwohlsein nach dem Speisen werde ich den Verdacht nicht los, dass auch hier die eine oder andere Ware verarbeitet wurde, die früher nicht auf den Teller kam. Das betrifft nicht die Nobelrestaurants, wohlgesagt, die weniger knapp kalkulieren.

Einige große Unternehmen, wie Telefónica und Elektrokonzerne, bieten Sondertarife für Arbeitslose an. Das ist löblich, aber vor allem eine effiziente Werbemaßnahme. Keiner dieser Konzerne macht pleite oder keinen Gewinn, trotzdem müssen die Tarife steigen, da können gerne mal ein paar kleine Zugeständnisse gemacht und laut angekündigt werden. Die Banco Santander, die 2008 besonders gut abschnitt, nicht zuletzt dank Schließungen von Filialen und Einsparungen von Personal – also auf Kosten unserer Zeit, was bei Selbstständigen oft auch Geld ist – erstattet in diesem Jahr die Gebühren für die Kreditkarte nicht zurück. Während des Wirtschaftswachstums war das kein Problem, aber die Zeiten ändern sich, lächelt die Filialleiterin.

Übersehen wir mal, dass es ein bösartiges Lächeln war. Lächeln und Freundlichkeit vermisse ich grundsätzlich. Bitte jetzt nicht wieder böse Kommentare schreiben: ich erwarte nicht, dass Leute, denen das Wasser bis zum Hals steht, sich auch noch verneigen vor dem Kunden. Aber nicht allen steht das Wasser bis zum Hals; in vielen Fällen wurde der Tango von Carlos Gardel „El que no llora, no mama“ allzu verinnerlicht. Ein positiveres Auftreten und ein bisschen Aufmerksamkeit wären ganz sicher eine bessere Reklame als diese „que más da, todo va mal“-Haltung.

Wieso gibt es keinen Rabatt, wenn man drei Kisten Wein kauft oder 40 Bratwürste bestellt? Warum arbeiten Dienstleister noch unzuverlässiger als sonst, statt sich den angeblich weniger werdenden Kunden besonders aufmerksam zu widmen? Nicht, weil überall Personal eingespart wird, sondern weil es schon immer üblich war, als Kunde höflich zu warten, bis die Ansprechpartner ihre persönlichen Handygespräche beendet haben, und bis jetzt hat sich daran nichts geändert.

Unkluger Fatalismus statt solidarischer Tatkraft scheint auch den Mietmarkt zu beherrschen. Inzwischen reihen sich die Schilder in den Straßen, zu verkaufen oder zu vermieten oder beides. Trotzdem erhöhen die, die noch Mieter haben, gnadenlos. Verhandelt man mit den Eigentümern, werden geringste Zugeständnisse gemacht, keine wesentlichen Erleichterungen. Auch angesichts der Drohung, das Geschäft dann aufzugeben, zieht nicht. Es scheint den Vermietern egal, dass sie langfristig mehr verdienen können als bald gar nichts mehr.

Fazit: wir kommen um die Auswirkungen der weltweiten Wirtschaftskrise nicht herum und es gibt schlimme Fälle von Armut. Mehr Fälle gibt es aber von engstirnigem Beharren und fatalistischem Gejammer und das könnte sich mal ändern. Wer die vollen Kneipen, nicht nur am Wochenende, in Madrid sieht und um die unverändert horrenden Gewinne der Kneipiers weiß, fragt sich, ob da nicht noch viel Spielraum ist, bis man wirklich heulen muss!

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