Wenn Langfinger zulangen

18.03.2009 - Jenna Steenken - Journalistin 

Am letzten Samstag schien mal wieder die Sonne in Barcelona. Es roch nach Frühling und wir wollten den Tag für einen Meerspaziergang am Stadtstrand nutzen. Wir liefen vom Forum nach Barceloneta und trafen dort zufällig Bekannte im Farggi Café sitzend. Die Aufforderung, doch dazu zu kommen, nahmen wir gerne an. 
Die insgesamt vier Kinder, die Bestellung und das Bestellte hatten unser volles Augenmerk. Wir unterhielten uns auf Deutsch und Englisch und das wohl nicht leise.

Als es nach einer halben Stunde kalt wurde, die Sonne war längst hinter dicken Wolken verschwunden, wollten wir gehen. Wir hatten den Tisch erst wenige Meter hinter uns gelassen, als mein Mann anmerkte: Wo ist die Fototasche?
So ruhig konnte ich nicht bleiben, denn ein einziger Blick genügte, um zu zeigen, dass sie weg war. Gestohlen. Mich durchfuhren Panik, Wut und Hilflosigkeit. Ich musste mich sehr zusammenreißen, keine Anschuldigungen auszusprechen. Warum hast du nicht besser aufgepasst? Hättest du sie mal um deine Schulter gelassen anstatt sie unter den Stuhl zu schieben. Und wenn schon so, hättest Du wenigstens den Fuß in die Schlaufe stellen können… Aber Streiten bringt ja nun auch nichts. Ich hätte schließlich auch besser aufpassen können.

Einerseits hatte der Dieb Glück. Neben der großen digitalen Spiegelreflexkamera befanden sich noch ein I-Pod Mini, ein Mobiltelefon und eine teure Sonnenbrille in der Tasche. Auf der anderen Seite ist es unser Glück, dass wir erst vor kurzem beim Pizza-Hut den Geldbeutel dort rausgeholt und seit dem in der Jackentasche aufbewahrten. Ausserdem hatten wir noch alle Schlüssel bei uns.

Trotzdem, in dieser Nacht kann ich nicht einschlafen. Es ist nicht so sehr der materielle Verlust, der einen zwar trifft, aber nicht so sehr schmerzt wie die Hilflosigkeit und Wut über einen selbst, die wir wohl zu leichtsinnig waren und alle jene, die das ausnutzen. Hat das denn wirklich keiner gesehen? Wie konnte das so schnell gehen? Sind die Sachen wohl schon weiterverkauft? 

Ich ergehe mich in den folgenden Stunden in langen Phantasien, wie ich an den nächsten Wochenenden an den Cafés Wache halten und jeden fassen würde, der sich auffällig stehlend verhält. Mir würde sicher keiner entgehen! Und dann würde ich ihn oder sie zwingen, mir zu sagen, was sie mit unseren Sachen gemacht hätten…
Ich wäre ja auch bereit, den Verlust als eine Art – unfreiwillige – Spende für Bedürftige anzusehen. Wenn die Wahrscheinlichkeit nur nicht so groß wäre, dass das Geld in Drogen und Alkohol angelegt wird! 

Mein Mann ist da pragmatischer. Weißt du, beruhigt er mich und sich, genau genommen ist es doch so: Das Telefon war Mist. Die Bügel der Brille kaputt. Der Akku des I Pods hielt keine halbe Stunde mehr. Und jetzt habe ich wenigstens Grund, eine neue Kamera zu kaufen, die sind doch jetzt viel besser, als unser altes Ding.
So kann man es auch sehen. Es hilft sogar ein bisschen. Besser zumindest, als meine Methode damit umzugehen. 

Ich kann endlich einschlafen.

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