Warum der spanische Medaillensegen nicht politiktauglich ist

01.08.2008 - Julia Macher - Journalistin 

Tour de France, Giro, French Open, Wimbledon und natürlich die Fußball-EM: Der Medaillenregen, der in den letzten Wochen über Spanien niederging, ist beachtlich. Kein Wunder, dass jetzt alle etwas vom Glanz abhaben wollen: Zapatero und Rajoy lassen sich mit Vorliebe mit dem ein oder anderen Medaillenträger ablichten; im Radio und auf den Kommentarseiten der Zeitungen wird über die Bedeutung der Erfolge fürs die gesamtspanische Psyche philosophiert. Und vor allem letzteres finde ich inzwischen ebenso nervtötend wie Live-Übertragungen von, sagen wir mal, Cricket-Turnieren.

Schon bei der EM wollten (deutsche) Kollegen ständig wissen, wie sich der Pokal jetzt „politisch niederschlägt“, ob das Land jetzt „weniger zerrissen ist“. Die Frage ist natürlich Humbug. Nur weil sich unter der Regie von Luis Aragonés Xavi, Puyol und Cesc Fàbregas prima mit den Madrider Jungs verstanden haben und gemeinsam schönen, schlauen Fußball gespielt haben, heißt das nicht, dass sich nun auch Zapatero, Montilla und Ibarretxe herzen und lieben. Und dass man auch in Katalonien und im Baskenland den Torschützen Torres und den Rest der Elf hochleben lassen (in Euskadi etwas leiser als in Catalunya) war bemerkenswert, hatte per se mit Nationalstolz aber wenig zu tun (noch dazu wo es dank Mittelfeld genügend katalanisches Identifikationspotenzial gab) . Übrigens glaube ich inzwischen, dass der eigentliche Grund für den bis dato geringen Rückhalt der spanischen Fußballnationalmannschaft nicht die „Zerrissenheit des Landes“ war, sondern schlicht die bisherige Erfolglosigkeit. Bei den Basketballern hat noch niemand die Nationaldebatte vom Zaun gebrochen, sie hatten immer Fans aus ganz Spanien - eben weil sie seit langem so erfolgreich sind.

Wie dem auch sei: Dass die Sportler jetzt auch noch Politik, Wirtschaft und Identitätsfragen stemmen sollen, ist ein bisschen viel verlangt. Obwohl das zugegebenermaßen seinen Reiz hätte. Madrid zankt mit den Regionen um den Finanzausgleich? Die Basketballer werden’s schon richten und Pau Gasol bestimmt die Höhe des katalanischen Budgets per Korbwurf. Die Arbeitslosigkeit steigt? Gemma Mengual und ihre Mädels setzen sich das Klämmerchen auf die Nase, holen Gold im Synchronschwimmen und schmelzen die Medaillen in einen Sozialfond ein. Damit es mit der Umstellung auf regenerative Energien schneller klappt, setzen sich Alberto Contador und Carlos Sastre ins Windkraftwerk und strampeln um die Wette. Und stört irgendeine vorwitzige Weltwirtschaftskrise die Konjunktur oder eine internationale Unstimmigkeit das politische Klima, haut Rafa Nadal sie einfach weg.

Nein, im Ernst: Auch wenn manche Politiker und viele Journalisten das gerne sähen, wird der Erfolg der spanischen Sportler über den Sport hinaus kaum Konsequenzen haben. Um die Krise zu überwinden, taugt er nicht - allenfalls hilft er, sie für ein paar Minuten zu vergessen. Ein Freund, bekennender Sportmuffel, erzählte mir kürzlich, er verfolge seit neustem Sportsendungen: „Da höre ich wenigstens einmal am Tag gute Nachrichten - und kann danach viel ruhiger und besser schlafen.“ Und das ist doch eigentlich schon eine ganze Menge.

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